Es war schon dunkel, als wir in Shanghai, der Megacity mit 19 Millionen Einwohnern landeten. Die Stadt empfing uns nicht gerade freundlich, wiederum regnete es in Strömen. Am Flughafen stellten wir uns artig in die Reihe, um uns einen Taxi zu ergattern. Natürlich waren auch die schwarz gekleideten Männer da, die uns zu einer überteuerten Taxifahrt anwerben wollten. Wir lernen jeden Tag etwas dazu in China und hielten uns an die offiziellen Taxifahrer, auch wenn wir etwas warten mussten. Im Taxi sitzend, waren wir uns aber nicht ganz sicher, ob der Fahrer den Weg zu unserem Hotel kannte und uns direkt ins Hotel führte oder ob er noch ein paar Zusatzschleifen drehte, während der Taxameter gleichmässig tickte. Trau nie einem Chinesen! Er muss sein Geld heute verdienen, morgen ist es vielleicht zu spät. Als der Fahrer so gemütlich durch die Stadt bummelte, nahm Armin sein Smartphone hervor, schaltete den Stadtplan von Shanghai auf, der Fahrer sah dies und plötzlich drückte er aufs Gas und siehe da, in kürzester Zeit standen wir vor unserem Hotel.
An die Wolkenkratzer haben wir uns in den letzten Tagen längst gewöhnt. Aber in Shanghai kratzten die Häuser wirklich an den Wolken, so tief hingen die Wolken und der Nebel.

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Mit Regenschirm und Regenschutz ausgerüstet machten wir uns zu Fuss auf den Weg, die Stadt zu entdecken. An einer Ecke folgten wir dem falschen Wasserlauf und verirrten uns total in die falsche Richtung. Dafür haben wir ein Stück altes Shanghai gesehen, wo nicht jeder Tourist hinkommt, ein Viertel, das längst für eine Erneuerung bereit wäre.

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Müde von der Lauferei suchten wir nach einem gemütlich Café oder Teehaus.

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Aber in diesem Quartier glich dies einer Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Chinesen sind keine Kaffeetrinker und oft ist der Kaffe doppelt so teuer wie ein ganzes Mittag- oder Nachtessen. Endlich glaubten wir, fündig geworden zu sein, das Lokal sah gediegen aus. Es war aber eine Antiquitätensammlung mit vielen Tischen und Stühlen. Viele Kilometer sind wir marschiert bis wieder uns wieder orientieren konnten und am Bund angelangt waren.

Wonnemonat Mai in Shanghai

Wonnemonat Mai in Shanghai

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Der Bund ist die bekannteste Meile der Stadt. Er ist das Symbol für das Kolonial-Shanghai, einst die Wall Street der Stadt, dort wo Vermögen gewonnen, aber auch verloren werden.Hier am Ufer des Huangpu Flusses stehen alle im Kolonialstil erbauten Häuser aus Frankreichs und Englands Kolonialzeit.

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Selbst der asiatische Big Ben fehlt nicht.

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Fanieren und sinnieren auf dem Bund

Fanieren und sinnieren auf dem Bund

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Auf der gegenüber liegenden Seite des Flusses türmen sich die modernen Hochhäuser der heutigen, einflussreichen Finanzwelt in die Höhe. Ein Rekord an Höhe scheint den anderen zu jagen.

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Am Abend hatten wir die Möglichkeit, erneut eine Akrobatikshow zu besuchen. Wie schon in Guilin, war es wiederum eine Vorstellung von Präzision, Muskelkraft, Mut und Perfektion. Die Gruppe ist international tätig und gehört zum chinesischen Nationalzirkus. Einige Nummern konnten wir life erleben, die wir schon vom Fernsehen kannten.
Shanghai ist nicht übersät mit Tempeln. Hier gibt es viele andere Ablenkungen und Vergnügungen, als sich dem Buddha zu widmen. Aber mitten in der geschäftigen Stadt, zwischen modernen Hochhäusern, am Jing’an Platz, steht eine vergoldete Tempelanlage, die mitten in der Hektik des Alltages eine gewisse Ruhe ausströmt.

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Auch Mönche kommen nicht mehr ohne Handy aus

Auch Mönche kommen nicht mehr ohne Handy aus

Von unserem Hotel aus war diese Anlage mit dem Bus einfach zu erreichen.

Am Nachmittag peilten wir den Shiliupu Fabric Market in der Altstadt an. Der Markt ist bekannt für günstige Seiden-, Kaschmir-, Leinen- und Baumwollstoffe. Da schlägt das Herz einer Näherin leicht höher. In diesem Markt werden auch massgeschneiderte Herrenanzüge verkauft und ist deshalb auch das Ziel vieler Touristen. Mit der U-Bahn fuhren wir zur nächstgelegenen Haltestelle, setzten uns auf ein Mäuerchen und studierten den Stadtplan. Es dauerte nicht lange und wir wurden von zwei jungen Chinesen angesprochen Das ist nichts Aussergewöhnliches. Dies kommt oft vor, einerseits sind die Chinesen neugierig, sie wollen wissen aus welchem Land wir kommen, wo unsere Reise hinführt etc., andererseits wollen sie sich im Englischsprechen üben. Viele haben nicht die Möglichkeit und das Geld, um ins Ausland zu reisen. Wir dienen auch oft als Fotomotive. Die beiden jungen Leute stellten sich uns vor, sie seien Studenten und für eine Woche in Shanghai im Urlaub. Auf die Frage, was unser Ziel sei, antworteten wir wahrheitsgetreu, der Shiliupu Fabric Market. Weiter fragten sie uns, ob wir gehört hätten, dass zurzeit in Shanghai ein Tee-Festival stattfinde. Es sei nur 2 Minuten von der U-Bahnhaltestelle entfernt und liege auf unserem Weg. Man erfahre alles über die Teegeschichte, die Kultur und den Anbau. Irgendwie kam mir im Unterbewusstsein der Gedanke auf, für Touristen kennen die sich aber gut aus in Shanghai. Erst zögerten wir, schliesslich sagten wir zu, es könnte ja interessant sein und ich stellte mir wirklich ein Festival im grösseren Stile vor. Die junge, sympathische Dame nahm sich selbstverständlich Armin an, verwickelte ihn in ein angeregtes Gespräch, der junge Mann nahm sich meiner an, wohlbedacht, dass Armin und ich genügend Abstand hatten, um nicht miteinander kommunizieren zu können. Schliesslich bogen wir in eine schmudlige Strasse ein. Da bekam ich ein mulmiges Gefühl im Bauch, blieb einige Male beunruhigt stehen und wollte wissen, ob Armin noch hinter mir ist. Armin wurde nicht misstrauisch und merkte nichts von meiner Nervosität. Ich dachte, ich sei wieder einmal überängstlich und machte gute Miene zum bösen Spiel. Schliesslich führten sie uns in einem kleinen Laden in ein hinteres Zimmer. Ich dachte mir, oh Gott, nur keine K.O-Tropfen oder dergleichen.

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Armin hegte immer noch keinen Verdacht. Sie nahmen uns geschickt in die Mitte, so dass ein Entkommen in diesem kleinen Raum unmöglich war. Sie hielten uns kurz eine Preisliste vor die Nase, ohne uns Zeit zu lassen, sie genau zu studieren. Sie gaben uns 5 verschiedene Tees aus winzig kleinen, Fingerhut ähnlichen, Tässchen zum Probieren. Am Schluss wurde eine horrende Rechnung präsentiert. Gütig meinten die Studenten, wir würden ja die Rechnung teilen, aber keiner von beiden bezahlte etwas. Obwohl wir Aufstand machten, mussten wir unseren Teil bezahlen, damit wir so schnell wie möglich aus diesem Loch herauskamen. Zum Glück waren es keine K.O-Tropfen. Unsere Moral war total am Boden. Wir hätten es ja wissen müssen. Ich war wütend auf mich, weil ich meinem Bauchgefühl nicht gefolgt bin. Wir versuchten es mit Humor zu tragen, es gelang uns aber nicht wirklich. Mit hängenden Köpfen gingen wir dann doch noch zum Shiliupu Fabric Market. Lustlos schlichen wir durch die vielen Stoffe und Angebote und mussten feststellen, dass wir für den Betrag der Teedegustation, einen massgeschneiderten Anzug für Armin hätten kaufen können. Wir schliefen schlecht in dieser Nacht und wir fragten uns, mit welchem miesen Trick wir das nächste Mal über den Tisch gezogen werden. Wenn mir zu Hause jemand diese Geschichte erzählt hätte, hätte ich gesagt, das würde mir nie passieren. Einmal mehr wurden wir von der Situation überrascht.
Am anderen Morgen um 7:15 h wurden wir abgeholt für den Besuch der Insel Putuo Shan. Dort liegt ein weiterer heiliger Berg der Buddhisten. Guanyin, die stets mitfühlende Göttin der Barmherzigkeit soll dort beheimatet sein. Es soll eine gepflegte, üppig grüne Insel, auf dem Zhoushan-Archipel, vor Shanghai gelegen, sein und wir wollten dort eine Nacht verbringen. Ohne viele Worte drückte uns ein deutschsprechender Führer zwei Billette, alles in Chinesisch geschrieben in die Hand und setzte uns an einem Busbahnhof in einen Bus. Ca. 1 ½ Stunden dauerte die Fahrt, vorbei an einem riesigen Windpark, über die längste Brücke Chinas (35 km) zu Shanghais grossem Frachthafen. Dort wurden wir in eine Wartehalle geschleust. Völlig apathisch und in Gedanken versunken, wegen der Ereignisse des Vortages, sassen wir dort und warteten auf die Weiterfahrt. Plötzlich standen alle Leute auf und gingen zum Ausgang, so auch wir. Wir zeigten unsere Tickets und wurden durchgewunken. Am Pier stand nur ein ein Schiff, eine grosse Fähre.

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Nach ca. 2 ½ Stunden erreichten wir eine Insel, nur so gepflegt, wie im „Lonely Planet“ beschrieben, sah sie nicht aus. Verrostete alte Kähne schwammen im Hafen, üppig grün sah es auch nicht aus und es lachte uns kein Buddha entgegen.

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Schei…., wir waren auf der falschen Insel, mit einem Fuss beinahe in der Militärsperrzone, gestrandet. Eine direkte Verbindung nach Putuo Shan gab es nicht. Über komplizierte Wege hätten wir diese Insel um 17:00 h abends erreicht. Wir beschlossen, mit dem nächsten Schiff, nach Shanghai zurückzukehren, mussten aber unsere Reiseagentur darüber informieren, damit wir wieder am Busbahnhof abgeholt werden und wir am Abend wieder unser Hotelzimmer hatten. Ein hilfsbereiter Mann, der die englische Sprache beherrscht, half uns mit den Telefonaten. Er konnte den Leuten in der Agentur erklären, auf welcher Insel wir uns wirklich befanden. In der Agentur hatte noch keiner etwas von dieser Insel „Qushan“ gehört und sie kamen in Panik wegen der zwei verirrten Schweizer Touristen. Bis nach Peking wurde der Vorfall gemeldet und es gab einen Aufruhr durch alle Chefetagen. Die Agentur in Shanghai bekam einen Riesenzusammensch…… von der obersten Stelle. So etwas dürfe einfach nicht passieren mit Gästen. Wir sahen das Ganze nicht so eng, wir waren froh, dass wir wieder am Busbahnhof abgeholt wurden und dasselbe Zimmer im Hotel beziehen durften. Es hat nicht sollen sein. Vielleicht waren wir der Göttin der Barmherzigkeit an diesem Tag nicht hold gesinnt. Es tönte auch wie ein Hohn in unseren Ohren.
Irgendwie war in Shanghai der Wurm drin und diese Stadt scheint nicht das Pflaster der Familie Meili zu sein.
Durch dieses Missgeschick hatten wir einen weiteren Tag in Shanghai zur Verfügung. Als Entschädigung bot die Agentur in Shanghai uns einen kostenlosen Tag an, unter kundiger Führung, durch die Stadt. Es bestand ja die Möglichkeit, dass wir uns ein zweites Mal verirren könnten. Es wurde ein entspannter Tag. Der Reisleiter zeigte uns einen Markt, wo er einkauft. Bei uns wäre es unvorstellbar, dass ein Metzger, eine Zigarette rauchend, die Fleischstücke zuschneidet und um die Schlangen in den Netzen würde ich mich auch nicht reissen.

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Wir flanierten durch die französische Konzession, wo noch viele, geschützte Villen aus Frankreichs Kolonialzeit stehen.

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Er führte uns in einen Teegeschäft, wo die Teedegustation kostenlos ist und wo wir gute Qualität kaufen konnten. Wir stiegen im Finanzviertel im Hyatt Hotel in den 54. Stock, um die Aussicht über die Stadt zu geniessen. Dieses Gebäude war bis zum Bau des 7-Sterne Hotels in Dubai, das höchste Gebäude der Welt.

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Innenhof Hyatt Hotel 56. bis 87. Etage im Hochhaus

Innenhof Hyatt Hotel
56. bis 87. Etage im Hochhaus

Aussicht vom Hyatt Hotel

Aussicht vom Hyatt Hotel

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Ein weiterer Tagesausflug von Shanghai aus, war der Besuch des Wasserdorfes Zhujiajiao, das Venedig Chinas. Es ist ein reizvolles Städtchen aus der Zeit der Ming- und Qingdynastie, mit vielen Gassen, Brücken und Altstadtarchitektur.

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Der Ort wird von vielen chinesischen Touristen überrannt. In den Imbissbuden wurde fleissig gekocht und gebraten.

Klebereis und Schweinefleisch in Blättern gekocht

Klebereis und Schweinefleisch in Blättern gekocht

Aber der Duft regte unsere Magensäfte absolut nicht an. Unser Hirn schaltete auf „kein Hunger“! In Kübeln krabbelten grosse Käfer herum, bereit für den Verzehr.

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Es sind Schädlinge, sie graben grosse Löcher in den Feldern und können ganze Reiskulturen zerstören, weil das Wasser durch die Löcher ausfliesst. Sie werden nicht mit Insektizid behandelt, sondern ganz einfach aufgegessen. Die Chinesen essen alles, was kreucht und fleucht auf unserer Erde. Sie essen alles, was zwei Beine hat, ausser Menschen, sie essen alles was vier Beine, ausser Tische und Stühle und sie essen alles was schwimmt, ausser Schiffe. Da alles verwertet wird, gibt es für jeden genügend zu essen.
Wir verliessen Shanghai mit dem Zug. Mit 300 km pro Stunde flitzten wir unserem nächsten Ziel, Hangzhou, entgegen. Nach einer guten Stunde trafen wir dort im Bahnhof ein. Gleich nach der Ankunft wurden wir gleich wieder von einer Horde Taxischwarzfahrer überfallen und sie verfolgten uns hartnäckig. Hello, hello, hello Taxi, hello Taxi schrien sie uns in die Ohren. Ebenso hartnäckig kämpften wir uns durch, zum offiziellen Taxistand. Hangzhou, mit „nur“ 6,2 Millionen Einwohnern, ist ein beliebtes Touristenziel in China. Die Stadt liegt am idyllischen Westsee, umgeben von grünen Hügeln. Ganze Armeen von Strassenkehrern und Müllsammlern sorgen für peinlichste Sauberkeit. Auf der gepflegten Uferpromenade, umgeben von blühenden Blumenbeeten und alten grossen Bäumen, wird gesungen, musiziert und getanzt. Jeder glaubt, ein grosser Star zu sein.

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Jede halbe Stunde findet ein Wasserspiel statt, eine perfekte chinesische Choreografie zu verschiedenen Musikstilen.

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Die Stadt ist bekannt für den „Longjing“-Grüntee, der in der üppigen, feuchten Umgebung kultiviert wird und für die Seidenherstellung. Im Prospekt der Stadt, wurde ich aufmerksam auf die China Silk Town, eine 1,1 km lange Fussgängerzone, wo sich Seidenladen an Seidenladen reiht. Auch die Busse, die dort hinführen, waren angegeben. Wir fragten an der Reception im Hotel, wo wir die Bushaltestellen finden würden. Es konnte uns niemand Auskunft geben. Sie lösten das Problem auf einfache Weise, indem sie uns sagten, in der Stadt gebe es andere Seidengeschäfte, wir sollen doch dort etwas kaufen. Wir machten uns zu Fuss auf den Weg und fanden diese Strasse ohne grosse Hilfe.

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Es ist noch zu sagen, dass die Stadtpläne sehr schlecht sind. Die kleinen Strassen sind gar nicht aufgezeichnet und es ist oft schwierig, sich zu orientieren und die Distanzen einzuschätzen. Jedenfalls habe ich 2 Blusen gekauft, billiger als Tee! Ob es wirklich Seide ist, wird sich zu Hause zeigen. Das Dessin gefällt mir, teuer waren sie auch nicht, also was soll’s. Zu diesem Preis hätte ich zu Hause nicht einmal eine Baumwollbluse gekriegt.
Da wir beide etwas kränkeln, die feuchte Wärme und die Klimaanlagen hatten ihre Wirkung, machten wir keine grossen Sprünge. Den „Longjing“-Grüntee hatten wir ja bereits in Shanghai eingekauft. So begnügten wir uns mit Spaziergängen, entlang der Seepromenade und einer Schifffahrt.

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Wir bewunderten die Wasserspiele und lauschten all den verschiedenen musikalischen Darbietungen. Durch die Feuchtigkeit liegt immer etwas Dunst in der Luft und die klaren Tage waren bis jetzt gezählt.

An unserem letzten Tag in Chongqing hatten wir genügend Zeit um etwas umher zu trödeln. Die Einschiffungszeit für unsere Schifffahrt auf dem Jangtse-Fluss war erst um 17:45 h. Die ganze Nacht hatte es in Strömen geregnet und der Morgen sah auch nicht besser aus. So beschlossen wir, uns etwas Zeit für unseren Blog zu nehmen und die ausgewählten Fotos zu laden. Sorgsam machten wir uns an die Arbeit, fast alle Fotos waren geladen, dann ein falscher Griff in die Computertasten und alles war wieder gelöscht. Gefrustet packten wir diese teuflische Computermaschine zusammen und hofften, auf dem Schiff etwas Zeit dafür zu haben.
Pünktlich wurden wir von einem deutsch sprechenden Chinesen abgeholt. Das Nervenbündel begleitete uns zum Schiff.

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Am Hafen wollte er uns einen Kofferträger andrehen.

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Entschieden lehnten wir ab und schoben unser Gepäck selbst zum Schiff. Wir sind ja keine Weicheier. Kopflos rannte er einer Gruppe Leute hinterher und lotste uns aufs falsche Schiff. Endlich auf dem richtigen Schiff, erlebten wir innerhalb einer halben Stunde mehr, als in einem halben Jahr zu Hause. Die verschiedensten Informationen prasselten auf uns hernieder, die es in wenigen Sekunden zu begreifen galt. Die Hostess zeigte uns, unser reserviertes Zimmer in der untersten Schiffsetage. Das Schiff sei nicht ganz belegt und wir hätten die Möglichkeit für ein Upgrade. Sie nannte uns den Preis, wir verstanden Yuan, sie aber meinte Dollars. Entscheiden mussten wir uns in Blitzeseile. Ich sagte nein, brauchen wir nicht, Armin sagte ja. So zogen wir in ein grosses, komfortables Zimmer in der 4. Etage. Bei jeder Stufe standen zwei Bedienstete, die uns warnten: watch your step oder mind your head. Kaum im Zimmer, ertönte eine unverständliche, englische Durchsage aus dem Lautsprecher in der Decke. Zur gleichen Zeit klingelte das Telefon. Noch einmal eine chinesisch-englische Information, die wir nicht verstanden. Während Armin immer noch am Telefon versuchte die Information zu verstehen, klopfte es an der Zimmertür. Kleiderwaschservice zu horrenden Preisen wurde angeboten. Keine Minute später klopfte es erneut. Dieses Mal wollte man uns ein Getränkepackage für 800 Yuan andrehen. Schnellstens mussten wir uns für die fakultativen Ausflüge entscheiden und diese, sowie das Upgrade bezahlen. Das Schiff könnte ja untergehen und es wäre eine Katastrophe, wenn die Rechnungen nicht vorher beglichen worden wären. In der Zwischenzeit stand das Nachtessen bereit (natürlich nicht im Preis inbegriffen). Schliesslich blieb uns dann doch noch etwas Zeit, vom Schiff aus Chongqing by Night zu bewundern.

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Das Schiff legte um 21:30 ab. Eine halbe Stunde später fand die nächste Information über alle Angebote auf dem Schiff statt. Jeder wurde wieder bearbeitet, sich doch einen Termin für eine Massage oder Akupunkturbehandlung geben zu lassen. Das Internet wurde für 200 Yuan pro Tag angeboten. Bei diesem Wucherpreis entschieden wir, uns für drei Tage von der Aussenwelt abzumelden. Total erschöpft fielen wir ins Bett, dabei glaubten wir bis jetzt, eine Kreuzfahrt sei etwas Gemütliches.
Am nächsten Morgen wurden wir bereits um 6:30 h mit leiser Musik ermahnt, dass es Zeit zum Aufstehen ist. Zwischen 7:00 h und 8:00 h wird Frühstück serviert. Um 8:15 h mussten wir in die richtige Gruppe stehen für den ersten Landausflug. Die Geisterstadt Fengdu, 170 km von Chongqing entfernt, war auf dem Programm. Die Ortschaft Fengdu ging 2009 in den Fluten des Jangtse unter, als der Fluss gestaut wurde. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde die Stadt neu aufgebaut und die Bewohner mussten umziehen. Was geblieben ist, ist die auf Geister fokusierte, teils buddhistische, teils taoistische Tempelanlage Ming Shan. Über 400 Stufen mussten wir hinaufsteigen, um die Geister, Dämonen und Monster zu besuchen.

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Jedem, der diese Anlage besucht hat, soll ein langes Leben beschieden sein. Wir sind ja mal gespannt! Die Besichtigung dauerte genau von 8:15 h bis 11:00 h, keine Minute länger, keine Minute weniger. Um 12:00 h war das Mittagsmahl bereitet. Die Zeit reichte gerade zum Hände waschen und Haare kämmen. Nach dem Mittagessen durften wir während 3 Stunden die Beine strecken, bevor es zum nächsten Landausflug ging. Dieses Mahl besuchten wir Shibaozhai, eine 56 m hohe, hölzerne Pagode, die an einen, vom Flusswasser umspülten, Felsen geklebt ist.

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Nach unserer Rückkehr im strömenden Regen, hatten wir gerade Zeit für eine Dusche, bevor der Kapitän zum Bankett lud. Endlich hatte ich Gelegenheit, meine „Jack Wolfskin Designer-Klamotten“ und die eleganten „Ecco-Jerusalem“ anzuziehen. Die Talent Show der Crew nach dem Essen liessen wir aus und zogen uns in unser grosszügiges Zimmer zurück.
Der zweite Morgen begann wie der Erste, mit leiser Musik um 6:30 h. Wiederum Frühstück von 7:00 bis 8:00 h und wieder in die richtige Gruppe einstehen für den Besuch der halbversunkenen Stadt des weissen Kaisers, am Eingang der ersten Schlucht.

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Bei den Anlegestellen ist es jedes Mal ein Spiessrutenlauf, vorbei an den Händlern. Einmal sind es Vogelpfeifen oder Holzspielsachen, ein anders Mal überteuerte Früchte oder getrocknete Fische, die angeboten werden.

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Der Spaziergang über die kleine Insel des Weissen Kaisers war entspannend und interessant. Zurück auf dem Schiff, reichte die Zeit wiederum gerade fürs Händewaschen, bevor es an den Mittagstisch ging. Dieses Mal durften wir 2 Stunden nichts tun.

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Nachdem das Schiff die Qutang-Schlucht und die Wu-Schlucht durchfahren hatte, hielt es in Badong. Dort wurden wir in ein kleineres Boot umgeladen für die Besichtigung der drei kleinen Schluchten auf dem Shennong-Strom.

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Eine Stunde dauerte die Fahrt, bis wir kleine Holzboote besteigen mussten. Ca. 20 Personen pro Boot wurden von 4 muskulösen Chinesen noch weiter in die Schlucht gerudert.

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Als diese ihre Arbeit getan hatten, banden sie ihre Boote am Ufer fest und rannten auf schmalen Trampelpfaden ca. 500 Höhenmeter steil den Berg hinauf zu ihren Häusern.

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Hängende Särge der Ureinwohner in den Felsspalten

Hängende Särge der Ureinwohner in den Felsspalten

Wieder reichte die Zeit gerade zum Händewaschen und schon war es Zeit für das Nachtessen. Bei jeder Mahlzeit teilten wir den Tisch mit sieben aufgestellten, sympathischen Australiern. Es gab immer viel zu lachen. An diesem Abend beschlossen wir, uns die Talent Show der Passagiere anzusehen. Es war eher peinlich als wirklich schön. Einzig ein junger Amerikaner, der auf dem Flügel Chopin spielte, erhielt von uns die Note gut, bei den restlichen Teilnehmern meinten wir „leider nein“. Mitten in der Nacht, kam es zu einem weiteren Spektakel. Wir hatten die grosse Staumauer am Jangtse-Fluss erreicht. Unser 135 m langes Schiff wurde über 5 Schleusenstufen um 110 m abgesenkt.

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Der Tag begann wieder früh, denn wir mussten bereits wieder unsere Koffern packen und um 8:15 h bereitstehen für die Besichtigung der grossen Staumauer.

Befestigungsteine für die Flussumleitung wärend des Dammbaues

Befestigungsteine für die Flussumleitung wärend des Dammbaues

Schiffshebewerk Bauvollendung voraussichtlichn 2015

Schiffshebewerk
Bauvollendung voraussichtlichn 2015

Um 12:30 h verliessen wir das Traumschiff in Yichang, um nach Shanghai weiter zu fliegen.

Der Jangtse-Fluss
Der Jangtse-Fluss ist nach dem Amazonas und dem Nil, der drittgrösste Fluss der Welt. Der 6300 km lange Fluss fliesst durch 7 chinesische Provinzen. Von ca. 700 Nebenflüsse wird er gespeist, bevor er nördlich von Shanghai in das chinesische Meer mündet. Der berühmteste Abschnitt liegt zwischen Chongqing und Yichang, wo er sich in drei Schluchten eingefressen hat. Etwa 40 km vor Yichang wurde die berühmt-berüchtigte Staumauer gebaut. Durch den Bau des Dammes ist der Pegelstand durch die Schluchten um ca. 80 m gestiegen und hat den Schluchten einiges an Gefährlichkeit genommen. 1,2 Millionen Menschen mussten umgesiedelt werden. Diese Menschen hätten dies gerne getan, wurde uns übermittelt. In früheren Zeiten kam es am Unterlauf immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen, bei denen tausende Menschen ums Leben kamen. Durch den Dammbau wurde der Fluss am Unterlaufgebändigt. In Europa hätten diese Umsiedelungen zu einem Aufstand geführt, Chinesen seien aber gute Leute. Die Menschen oberhalb des Dammes wussten, dass sie der Bevölkerung am Unterlauf durch den Dammbau das Leben retten konnten und waren mit den Umsiedelungen ohne Einwände (!) einverstanden. 30 m2 Wohnfläche habe jede umgesiedelte Person vom Staat geschenkt bekommen.
Die ersten Pläne für den Dammbau stammen aus dem Jahr 1919. Schon damals wurde erkannt, dass in diesem Fluss ein gewaltiges Potenzial zur Energiegewinnung liegt. Heute ist der Drei-Schluchten-Damm der grösste, von Menschhand erbaute Generator für elektrischen Strom aus erneuerbarer Quelle. 32 Turbinen stellen Strom her für die Bevölkerung in einen Umkreis mit einem Radius von 1000 km.

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Die saubere Energie wird viel gerühmt. Etwas leiser erzählt man, dass, seit diesem Mammutbau der chinesische Störfisch und das chinesische Krokodil und wahrscheinlich noch vieles mehr, ausgestorben sind.
Wir hatten uns immer vorgestellt,die Fahrt auf dem Jangtse führe durch eine Schmutzkloake und das Schiff müsse sich durch leere Petflaschen, Ölteppiche und weiteren Unrat navigieren. Aber nichts dergleichen. Die chemische Zusammensetzung des Wassers konnten wir nicht beurteilen. Wir empfanden den Fluss ebenso „sauber“, wie Rhein, Rhone und Donau.

Erst dachten wir, Chengdu sei ein kleines Provinznest. Unsere Meinung mussten wir bereits auf der Fahrt vom Flughafen ins Hotel revidieren. Es war schon am Einnachten. Über viele Kilometer hatten sich auf der rechten Strassenseite alle renommierten Automarken aus Europa und Asien in modernen Bauten niedergelassen. Wie wir informiert wurden, sollen täglich 1000 Neuwagen in Chengdu verkauft werden. Auf der linken Seite erhebt sich Wohnturm an Wohnturm, alle fantasievoll und exklusiv beleuchtet. Chengdu ist eine aufstrebende 4-Mio.-Stadt, wo immer noch fleissig gebaut wird.

Die Pandabären
Nach einem guten Tiefschlaf, machten wir uns zur naheliegenden Panda-Aufzucht-Station auf. Ziel und Zweck dieser Station ist, die sexuell wenig aktiven Pandabären zur Paarung zu bewegen. Es gibt heute weniger als 1000 wildlebende Pandabären , die noch in 5 Bergwäldern in den Provinzen Sichuan, Shanxi und Gansa leben. Dabei stehen sich die Tiere selbst im Weg. Sie sind Einzelgänger und während der Paarungszeit müssen sie meilenweit gehen um ein Weibchen oder Männchen zu finden, zudem sind sie noch wählerisch. Sympathie und Liebe spielt eine grosse Rolle. Bei Mehrlingsgeburten zieht die Bärenmutter nur ein Junges auf. Um die restlichen kümmert sie sich nicht und so werden diese Opfer anderer wilden Tiere. Die Bärenmutter wiegt ca. 150 kg, die Neugeborenen nur gerade etwa 100 g. Daher haben sie oftmals eine geringe Überlebungschance. Rund 99 % der Nahrung besteht aus Bambus. Pandas aber haben fleischfressenden Vorfahren und fressen selbst, wenn auch nur selten, kleine Nagetiere. Weil Bambus einen sehr geringen Nährwert hat, müssen sie täglich 16 Stunden lang ca. 40 kg Bambus verzehren, damit sie gesund bleiben. Etwa alle 25 Jahre blüht der Bambus und stirbt danach ab. Dann müssen die Pandas ein neues Futterareal suchen, wenn sie überleben wollen. Mitte der 1970-er Jahre blühte in Sichuan der Bambus und vertrocknete danach. Ca. 130 Panda-Bären wurden anschliessend tot aufgefunden. In der wunderschönen und grosszügig angelegten Parkanlage der Aufzucht-Station scheinen sich die Tiere wohl zu fühlen. Die sympathischen und drolligen Kuscheltiere raspelten ohne Unterbruch an ihren Bambusstücken.

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Weniger bekannt sind die roten Pandabären

Weniger bekannt sind die roten Pandabären

Sie erinnerten mich an meinen Tischnachbar zu Hause, wenn er Guetzli shreddert!

Das Sanxingdui Museum
Im 20. Jahrhundert fanden Bauern in der Nähe der Stadt Guanghan, ca. 40 km nördlich von Chengdu immer wieder Keramikstücke und andere schmutzverkrustete Überreste aus alter Zeit. Doch Krieg, Geldmangel und andere Ereignisse verhinderten, dass diese Funde ernst genommen wurden. Schliesslich begannen 1986 die Archäologen mit umfangreichen Ausgrabungsarbeiten und machten erstaunliche Entdeckungen. Sie legten eine bedeutende Fundstätte aus einem alten Königreich frei, das als Wiege der chinesischen Kultur am Oberlauf des Jangtse-Flusses gilt. Für manche chinesische Wissenschaftler sind diese Funde bedeutender als die Terrakottaarmee in Xi’an.

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Obwohl wir beide eigentlich als Museumsmuffel gelten, besonders, wenn es ums Altertum geht, liessen wir uns für einen Besuch dieses Museums hinreissen. Was uns mehr beeindruckte, als die Ausstellungsgegenstände, waren die Architektur und die grosszügigen Parkanlagen rund ums Museum.

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Chengdu
Nur einen Katzensprung von unserem Hotel entfernt, liegt das Kloster Wenshu. Es ist Chengdus grösstes und am besten erhaltenes Tempelkloster. Die Luft ist schwer, von den unzähligen Räucherstäbchen, die dort angezündet werden. Das Tempelkloster wird überwiegend von den Einheimischen besucht. Wir beobachteten erstaunlich viele Jugendliche bei ihren Ritualen.

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Auch im idyllischen, grünen Park, rund um die Tempelanlage, sieht man Leute bei ihren meditativen Bewegungen und Tänzen.

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Trotz der vielen Leute, fühlt man sich in einer Oase der Ruhe und des Friedens. Die Park- und Tempelanlage liegt inmitten eines der wiederaufgebauten alten Vierteln, wo die engen Strassen gesäumt sind von Teehäusern und Imbissbuden.

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Ein weiteres interessantes Ziel, ist der Volkspark. Es ist die älteste Grünfläche im Zentrum der Stadt. Dort wird getanzt, gesungen,

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China sucht den Superstar

China sucht den Superstar

Tai-Chi geübt oder in den Teehäusern wird mit Würfeln gespielt.

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Besonders ältere Leute geben sich dem Würfelspiel hin, damit sie im Kopf beweglich bleiben. Gespielt wird natürlich, wie könnte es in China anders sein, um Geld. Es wird nicht nur an einem Tisch gespielt, sondern an mehr als 50 verschiedenen Tischen, immer zu viert. Im Park gibt es auch eine „Matchmaker“-Ecke, wo man den richtigen Partner fürs Leben finden kann.

Bauer ledig - sucht ....

Bauer ledig – sucht ….

Mitten zwischen Bonsai-Pflanzen steht das Denkmal für die“ Märtyrer der Bewegung zum Schutz der Eisenbahn“. Ein Obelisk erinnert an einen Volksaufstand im Jahre 1911 gegen korrupte Beamte, die Geld in die eigenen Taschen wandern liessen, das für den Eisenbahnbau bestimmt war.

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In einem Warenhaus, in der Nähe des Tianfu-Squares hielten wir Ausschau nach einem zweiten Rucksack. In der obersten Etage wurden wir fündig, Marke „Swisswin“ mit allen Kantonswappen und Matterhorn auf der Etikette, der Preis von 800 Yuan auf 250 Yuan reduziert, plus 5 Jahre Garantie. Klar, dass wir da zugriffen, nur die Marke sagte uns nichts und auf der Etikette gibt es keine Angaben, wo die Firma „Swisswin“ ihren Sitz hat.

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So sahen wir während der 2 Tage in Chengdu einiges.

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Wir sind ganz stolz, wie wir uns selbstständig mit U-Bahn und Bus zurechtfinden und wie wir gelernt hatten, uns beim Überqueren der Strassen in den Verkehr einzufädeln. Auf den Strassen Chinas hat immer der Stärkere den Vortritt. Als Fussgänger ist man also das schwächste Glied. Von der Luxuskarosse

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bis zum 2-, 3- oder 4-rädrigem, rostigen Vehikel, alles tummelt sich auf der Strasse.

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Überholt wird links oder rechts, wo es gerade Platz hat. Doppelte Sicherheitslinien werden überfahren, man sieht das nicht so eng. Auf einer 2-spurigen Strasse fahren oft drei Autos nebeneinander, 2 Räder eben auf der Gegenfahrbahn. Ist eine Fahrbahn holprig, weicht man auf die Gegenfahrbahn aus. In der Stosszeit sind tausende von lautlosen Elektrorollern und Fahrrädern unterwegs. Sie sind unerbittlich, keiner würde für einen Fussgänger nur mit dem kleinen Finger die Bremse berühren. Es wird viel gehupt, aber nie geschimpft. Wie das so ist im chinesischen Leben, auch auf der Strasse findet man immer eine Lösung und schlängelt sich durch.

Leshan – Emei Shan
Am Mittwochmorgen machten wir uns auf nach Leshan, um den grössten Buddha der Welt zu bestaunen. Der 1200 Jahre alte Buddha ist beim Zusammenfluss der beiden Flüssen Dadu und Min in eine Felswand gehauen. Er ist 71 m hoch, seine Ohren sind 7 m lang, seine Schultern überspannen 28 m und jeder seiner Zehen ist 8,5 m lang.

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Ein buddhistischer Mönch namens Haitong begann 713 n. Chr. mit dem Bau der Statue, in der Hoffnung, dass der Buddha die unberechenbare Strömung des Flusses besänftigen und die Schiffer vor den tödlichen Untiefen beschützen würde. Das Vorhaben wurde erst 90 Jahre nach dem Tod Haitongs vollendet. Das Wasser des Flusses beruhigte sich tatsächlich. Die Einheimischen sind überzeugt, dass dies dem grossen Buddha zu verdanken ist. Die Skeptiker dagegen sind der Meinung, dass dies eher auf die lange Bauzeit zurück zu führen ist, bei der die Flusstiefen mit Bauschutt aufgefüllt wurden.

Opfergaben im Tempel hinter der Buddha-Statue

Opfergaben im Tempel hinter der Buddha-Statue

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Die nächste Nacht verbrachten wir in Emei Shan City, am Fuss einer der vier buddhistischen, heiligen Berge. Fürs Nachtessen streiften wir durch die Seitenstrassen, bis wir auf ein sauberes, kleines Lokal stiessen. Der Nachteil war nur, es sprach niemand ein Wort Englisch und auf der Speisekarte gab es keine Bilder von Menus. Auf dem einzigen Bild, das es gab, waren Hühnerfüsse abgebildet, eigentlich nicht das, worauf wir Lust hatten. Einmal mehr, griffen wir zu unserem „Survival-Guide“ und Translator auf dem Smartphone und machten den freundlichen Leuten klar, dass wir Rind- und Schweinefleisch, sowie Gemüse wünschen. Lachend zogen sie uns in die Küche, wo wir gleich selbst unsere Zutaten auslesen konnten. Nach dem Essen wurden wir aufs Herzlichste von den Gastleuten verabschiedet.

Für den Besuch des heiligen Berges „Emei Shan“ ermahnte uns unser Führer, gutes Schuhwerk, warme Kleider und einen Regenschutz mitzunehmen. Gut ausgerüstet standen wir bereit. Der Führer kam im Hemd, darüber ein lausiges Gilet, in der Hosentasche ein kleiner Schirm. Der Tempel und die goldene Buddhastatue liegen auf über 3000 m über Meer. Eine kurvenreiche Strasse führt durch ein ruppiges Tal, von ca. 600 m über Meer hinauf 2300 m. Privatautos dürfen dort nicht hinauf fahren, nur der öffentliche Bus und die wenigen Anwohner. Bei strömendem Regen fuhr unser Busfahrer in halsbrecherischem Tempo den Berg hinauf. Zwei Stunden dauerte die Fahrt. Von der Busstation bis zur Talstation der „Doppelmayer/Garaventa-Gondelbahn“ ging es nochmals ca. 200 Höhenmeter hinauf. Auf diesem Teilstück sind wieder die fleissigen und geschäftstüchtigen Chinesen präsent. Bei Regenwetter werden Plastik-Regenschütze, sowie Plastiküberzüge für die Schuhe in aufdringlicher Art angepriesen, aber auch chinesische Heilkräuter und Wurzeln werden angeboten. Selbst die kleinen, frechen Affen, die dort in einer Schlucht wohnen, verlangen ihren Wegzoll und würden einem am liebsten die Tasche ausräumen.

Heimat der frechen Affen

Heimat der frechen Affen

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Auf diesem Wegstück kaufte sich unser Herr Ming erstmals einen dünnen Plastik-Regenschutz für 5 Yuan, der aber die Kälte auch nicht wirklich fernhielt. Mit der Gondelbahn überwanden wir die letzten 500 Höhenmeter bis zur Berstation. Als wir oben ausstiegen, tanzten bereits kleine Schneeflocken vom Himmel. In einer Imbissbude stärkten wir uns mit einer heissen Nudelsuppe, bevor wir zum goldenen Buddha auf dem Gipfel hochstiegen. Währenddessen änderte sich die Wetterlage, ein starker Wind kam auf und vertrieb den Nebel um die glitzernde Statue.

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Das Ganze hatte aber eine Kehrseite, des starken Windes wegen stellte die Gondelbahn den Betrieb ein. Unser guter Herr Ming hatte gar keine Freude. Man sah ihm an, dass er für den steilen Abstieg zu Fuss gar keine Lust hatte, ausserdem klapperte er vor Kälte. Nach einer Stunde Wartezeit war der stärkste Wind vorbei und wir konnten glücklicherweise wieder zu Tale fahren und Herr Ming wurde wieder gesprächiger. Die Talfahrt mit dem Bus verlief weniger halsbrecherisch als die Bergfahrt.

Die Eintritte für den Besuch des grossen Buddhas und den Berg Emei Shan, sowie die Busfahrt und die Fahrt mit der Gondelbahn hatte uns einiges an Geld gekostet. Überhaupt kosten die Eintritte zu den Sehenswürdigkeiten in ganz China ziemlich viel. Auf unsere Frage, ob sich dies ein Durchschnitts-Chinese überhaupt leisten kann, bekamen wir zur Antwort, dass die Eintrittspreise extra so hoch angesetzt werden, damit man den (inländischen)Touristenstrom reduzieren kann. In der Hochsaison muss man angeblich bis zu 3 Stunden in der Schlange stehen, bis man den grossen Buddha zu Gesicht bekommt.

Chongqing
Am Samstagmorgen standen wir in der ultramodernen Chengdu East Railway Station pünktlich bereit für die Weiterreise. Hier wird eingecheckt und geboardet, wie auf einem Flughafen.

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Chinesisches Reisegepäck

Chinesisches Reisegepäck

Mit fast 200 km/Std. fuhren wir auf leisen Geleisen durch Reis- und Maisfelder nach Chongqing.

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Die beiden Bauerntrampel aus Madetswil staunten nicht schlecht, als sie in dieser Stadt ankamen. Auf unsere Eindrücke von Chengdu wurde noch eins drauf gegeben. In den Häuserschluchten fühlten wir uns wie in Manhattan. Das Stadtzentrum wird modernisiert, alte Häuser abgerissen und neue Hochhäuser werden in rasantem Tempo aufgestellt.

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Selbst am Sonntagabend um 19:00 h ratterten die Baumaschinen um altes Gemäuer dem Erdboden gleich zu machen um neuen immer noch höheren und noch höheren Wolkenkratzern Platz zu machen. Sämtliche renommierten Schweizer Uhren, sowie alle Top-Designer aus Europa sind hier vertreten. Wer leistet sich all das, wenn man bedenkt, dass die westlichen Luxusartikel mit einer sehr hohen Steuer belastet sind? In Chengdu schliefen wir im 9. Stockwerk und fühlten uns beinahe im Himmel, hier in der 26. Etage, gefrühstückt wird auf der 7. Etage!
Chongqing hat 5 Millionen Einwohner, mit der ganzen Agglomeration 32 Millionen!

Neben Gucci, Armani, Hugo Boss, Cartier, Omega, Rolex etc. haben wir auf unserem Fussmarsch durch die Stadt dann doch noch ein kleines Stück altes Chongqing gefunden. Wahrscheinlich ist es eine Zeitfrage, bis diese dunklen Löcher abgerissen werden. Manchmal braucht es auch etwas härtere Nerven, durch diese Quartiere zu gehen. Bei einem kleinen Markt lag ein ganzer Haufen tote Frösche, für den Verzehr bestimmt, auf Eis gelegt auf der schmutzigen Strasse.

Das Zentrum Chongqings liegt auf einer Halbinsel zwischen den dem Yangtse-Fluss und dem Jialing-Fluss und ist auch Ausgangspunkt für die Flusskreuzfahrten auf dem Yangtse-Fluss. Dort, wo die beiden Flüsse zusammen fliessen, liegt der Chaotianmen-Platz. Es war spannend, dort zu beobachten, wie die chinesischen Senioren sich ihrem Hobby, dem Drachenfliegen widmen.

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Die Stadt ist ein heisses Pflaster. Einerseits des Klimas wegen, sie ist bekannt als der Backofen Chinas. Andererseits isst man in Chongqing den „Hot Pot“ (Feuertopf). Diese kulinarische Spezialität ist eine ganz heisse Sache. Ähnlich wie beim Fondue Chinoise wird Fleisch und Gemüse in einer Brühe gekocht. Nur, die Brühe ist sehr scharf mit Chilischoten gewürzt. Um dem Essen etwas die Schärfe zu nehmen, zieht man die gekochten Speisen, vor dem Genuss, erst durch Sesamöl. Peinlich für uns, wie unser Tischtuch nach dem Mahl aussah!

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Eindrücke von der Foodstreet

Eindrücke von der Foodstreet

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Buddhistische Grotten Dazu
Am unserem 41. Hochzeitstag beabsichtigten wir, von Chongqing aus, einen Ausflug nach Dazu zu den buddhistischen Grotten zu unternehmen. Der Einfachheit halber schlossen wir uns einer kleinen Gruppe chinesischer Sonntagsausflügler an. Chinesischer Führer, Busfahrt, Mittagessen und Eintrittsgelder, alles inklusive! Mit chinesischer Pünktlichkeit (30 Minuten zu früh) wurden wir vom Kleinbus im Hotel abgeholt. Da wir nur „Bahnhof“ verstanden, was der Führer erklärte, liessen wir uns einfach einmal treiben. Gut 2 Stunden dauerte die Busfahrt ohne Stossdämpfer. Bei einem kleinen Tempel hielt der Fahrer an, und wie alle anderen, stiegen auch wir aus.

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Wir haben schon grössere und schönere Tempel gesehen, aber irgendwie musste diese Anlage etwas besonderes sein. Wie ein Wasserfall redete die Frau, die alles erklärte. Im ersten Stock befand sich ein kleiner Versammlungsraum, wo ein Mönch sass. Kleinmütig setzten wir uns in die hinterste Bank und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Der Mönch sprach irgendein Gebet, anschliessend rief er Paar um Paar zu sich. Wahrscheinlich hatte er ein paar gute Worte für sie. Uns winkte er einfach durch, gab uns jedoch als Einzigen, ein Räucherstäbchen in die Hand. Wir verneigten uns höflich und zündeten draussen das Stäbchen ehrfurchtsvoll an, in der Hoffnung, das sei gutes Karma für die folgenden gemeinsamen Jahre.

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Nach diesem Halt war bald das Mittagessen an der Reihe. Unsere chinesischen Mitreisenden waren besorgt um uns, damit wir ja von allem probieren und genug zum Essen hatten. Nebst einer riesigen Schüssel Reis wurden noch weitere 6 Schüsseln mit Gemüse und Fleisch aufgetischt. Gut hat es geschmeckt, nur der ganze Zauber war in Blitzeseile vorbei. Das Ganze hat kaum 20 Minuten gedauert und schon wurde zu den Grotten weitergehetzt. Typisch in China, bevor man realisiert hat, was geschieht, ist es schon vorbei. Der Ausflug zu den Grotten hatte sich wirklich gelohnt. Die fantastischen Steinschnitzereien von Dazu sind ebenfalls Bestandteil des Unesco Weltkulturerbes und gehören zu Chinas vier grössten, buddhistischen Tempelgrotten. Die Skulpturen wurden während 70 Jahren, zwischen 1174 und 1252 n. Chr. in Stein geschnitzt. Das Glanzstück bildet ein 31 m langer und 5 m hoher ins Nirwana eingegangener Buddha.

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Lebensrad Buddhas

Lebensrad Buddhas

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Wie die meisten Sehenswürdigkeiten hier in China, befinden sich auch diese Grotten in einem wunderschönen, kühlen Park.
Nachdem wieder alle im Bus versammelt waren, ging es weiter, jedoch nur einige wenige Kilometer, dann schwenkte der Fahrer von der Strasse ab und hielt vor einem Gebäude. Armin jubilierte schon und meinte jetzt gäbe es ein „Zvieriplättli“ und ein grosses Bier. Doch weit gefehlt! Schnell wurden wir in eine Messerfabrik geschleust. Während einer Viertelstunde wurden ergonomische Küchenmesser, Sparschäler und Rasierapparateangepriesen. Am energischen Tonfall der geschäftstüchtigen Dame, war zu entnehmen, dass sie unsere Mitreisenden überzeugte, dass sie unbedingt diese Werkzeuge brauchen, denn es wurde fleissig eingekauft.

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Die Meisten hatten beim Verlassen des Geschäftes eine volle Tasche. Kaum waren wir draussen, wurde die nächste Busladung von Leuten in den Laden getrieben. Auch dieses Mal hat das Ganze höchstens 20 Minuten gedauert. Endlich konnten wir einmal an einer Werbefahrt teilnehmen. Obwohl wir nichts gekauft hatten, wurden wir trotzdem zurück nach Chongqing gebracht.
Solche spannende Hochzeitstage erlebt man nicht jedes Jahr!

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Am Montagmorgen früh verliessen wir die grüne, üppige Provinz Guangxi wieder gleich nass, wie wir sie betreten hatten. Unser Flug führte über Chongqing nach Shangri-La in der Provinz Yunnan. In Chongqing trafen wir Lenka und Oliver. Sie haben über den 1. Mai einige Tage frei. Wir wollten zusammen auf den Ausläufern des tibetanischen Hochplateaus einiges unternehmen. Mit etwas Verspätung landeten wir in Shangri-La auf 3200 m über Meer. Hier weht bereits tibetanische Luft, die angesichts der Höhe recht dünn ist. Deshalb gingen wir den folgenden Tag gemütlich an.

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Shangri-La beheimatet eines der sehenswertesten Klöster der Provinz Yunnan. Mit dem Bus fuhren wir einige Kilometer zum 300 Jahre alten tibetanischen Kloster Ganden Sumtseling Gompa, in dem etwa 600 Mönche leben.

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Zurück in der Stadt besichtigten wir gemütlich die pittoreske Altstadt. Wir spazierten durch die kopfsteingepflasterten Strässchen. Der Duft des gebratenen Yakfleisches aktivierte unsere Magensäfte. Die vielen Händler, die verschiedene Produkte von den Yaktieren , seien es Leder- oder Fellartikel, getrocknetes, gewürztes Fleisch oder verschiedene Artikel aus Horn anboten, fielen uns positiv auf.

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Gebetsmühlen

Gebetsmühlen

Oliver hilft die riesige Gebetsmühle in Gang zu halten

Oliver hilft die riesige Gebetsmühle in Gang zu halten

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Sie waren weniger aggressiv als in Yangshuo und so konnten wir die Auslagen in Ruhe bewundern. Nach zwei Nächten in Shangri-La ging es dann schon wieder weiter. Wiederum klingelte der Wecker um 5:15 h morgens, denn um 7:10 h fuhr der Bus auf der Teestrasse Richtung Süden. Trotz der frühen Morgenstunde sassen wir vier im Bus und plauderten fröhlich drauf los, bis uns der Chauffeur zur Ruhe mahnte. Schon wieder etwas gelernt – anscheinend spricht man in chinesischen Bussen nicht! Früher wurde der Pu’er Tee, der in Yunnan kultiviert wurde, auf dieser Strasse über den Tibet nach Indien transportiert. In Qiaotau wechselten wir in einen kleinen Bus, der uns nach Walnut Garden, in der Tigersprungschlucht brachte. Die 16 km lange Tigersprungschlucht ist eine der tiefsten Schluchten der Welt. Sie misst schwindelerregende 3900 m vom Wasser des Jinsha Flusses bis zu den schneebedeckten Bergen des Haba Shan im Westen und des Yulong Xueshan im Osten. Der Namen der Schlucht kommt daher, dass ein Tiger an der schmalsten Stelle von der einen auf die andere Seite der Schlucht springen kann.

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In einem gemütlichen Guesthouse fanden wir ein Bett für die Nacht. Am Strassenrand stand eine Reklametafel: 25 Stunden warme Dusche pro Tag! Anscheinend erwischten wir die 26. Stunde, denn wir duschten mit kaltem Wasser! Für die Wanderung in der Schlucht teilten wir uns auf. Lenka und Oliver wanderten steil bergab, in den Talboden des Flusses, über wacklige Brücken und über eine Leiter wieder steil bergauf. Eher etwas für stärkere Nerven! Armin und ich liessen den Adrenalinspiegel nicht so hoch steigen. Wir spazierten gemütlich bergauf, um die Aussicht über die imposante Schlucht zu geniessen und um dem Gesang des Kuckucks zu lauschen.

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Auch in dieser hintersten Ecke Chinas trafen wir auf ein sympathisches Schweizer Paar, Jörg und Miriam, die zurzeit in Shanghai wohnen. Weg vom Massentourismus, dort wo Individualismus gefragt ist, treffen wir immer wieder auf abenteuerlustige Schweizer. Nach einer Nacht verabschiedeten wir uns bereits wieder von der Schlucht und mit einem Kleinbus ging es talabwärts weiter nach Richtung Lijiang. Auf einer holprigen Strasse fuhr unser Fahrer durch authentische kleine Dörfer und durch die fruchtbare Landschaft. Schöne, rote Erdbeeren wurden am Strassenrand angeboten. Überall auf den kleinen Terrassen wird Weizen angebaut, alles in Handarbeit. Fleissige Frauen waren eben dabei, den Weizen zu schneiden. Die kleinen Felder können nicht mit grossen Maschinen bearbeitet werden. Zum Glück überstanden wir die holprige Fahrt heil und ohne Achsenbruch.
Lijiang liegt immer noch 2300 m über Meer. Im 13. Jahrhundert wurde die schmucke Altstadt gebaut und gehört heute zum Unesco Weltkulturerbe. Lijiang ist das Hauptsiedlungsgebiert der Naxi Nationalität.

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Die Naxi

Lijiang war in den vergangenen 1400 Jahren die Heimat der aus 28600 Stammesmitgliedern bestehenden Naxi. Sie stammen tibetischer Herkunft ab und lebten bis vor Kurzem in einer matriarchalischen Gesellschaftsform. Da die lokalen Herrscher stets Männer waren, handelt es sich nicht um ein Matriarchat im strengen Sinne, aber die Frauen hatten hier offensichtlich dennoch das Sagen.
Ihre Macht über die Männer bezogen die Naxi-Frauen aus flexiblen Arrangements für Liebesbeziehungen. Das Freund-System ermöglichte es einem Paar, eine Beziehung zu führen, ohne in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Beide Partner lebten weiter in ihrem bisherigen Heim; der Freund verbrachte die Nacht im Haus der Freundin, kehrte aber tagsüber ins Haus der Mutter zurück, wo er lebte und arbeitete. Bekam das Paar Kinder, so gehörten diese zur Frau, die dafür verantwortlich war, sie gross zu ziehen. Der Mann unterstützte sie dabei, wurde die Beziehung jedoch beendet, war es dann auch mit der Unterstützung vorbei. Kinder lebten bei ihren Müttern und niemand bemühte sich sonderlich um die Anerkennung der Vaterschaft. Frauen erbten alle Besitztümer und Streitereien wurden von älteren Frauen geschlichtet.
Das Matriarchat hinterliess auch in der Sprache der Naxi starke Spuren. Substantive erhalten eine stärkere Bedeutung, wenn das Wort für „Frau“ angehängt wird; umgekehrt schwächt der Zusatz „Mann“ ihre Bedeutung ab. So bedeutet zum Beispiel das Wort „Stein“ plus „Frau“ so etwas wie Felsbrocken, während „Stein“ plus „Mann“ eher einen Kieselstein meint.
Auch die Naxi haben bald bemerkt, dass die Frauen stärker als die Männer sind!

Ein weiteres Merkmal von Lijiang ist der ca. 20 km entfernte, mächtige Schneeberg Yulong. Wegen der Fülle an Gletscherformen wird dieser Berg als Chinas „natürliches Museum für Gletscher“ bezeichnet. Des regnerischen und trüben Wetters wegen, kennen wir ihn nur von Fotos. Auch am Sonntag, als kaum eine Wolke den Himmel trübte, zierte sich der Berg und hüllte sich schmollend in Nebel.

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Eine besondere Attraktion ist, das Spiegelbild des Berges im „Teich des schwarzen
Drachen-Parkes“ zu sehen. Auch dieser Anblick war uns vergönnt, nicht nur des trüben Wetters wegen, sondern ganz einfach, weil der Teich gar kein Wasser enthielt.

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Die Altstadt zerschneidet ein Netz arterienartiger Kanäle, die einst das Trinkwasser aus der Yuguan-Quelle zum heutigen „Teich des schwarzen Drachen Parkes“ führten.

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Mehrere im Umkreis liegende Brunnen und Becken sind heute noch im Gebrauch. Dort wo es drei Becken hintereinander gibt, werden diese für die Trinkwassernutzung, zum Gemüseputzen und das letzte zum Wäschewaschen benützt.

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Das „Weisse Pferd Drachen Becken“ wird heute noch von den Anwohnern zum Gemüse- und Wäschewaschen benutzt.

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Hinter dem alten Marktplatz erhebt sich ein Hügel, mit einer Art Wach- und Aussichtsturm mit einem einzigartigen Design mit Dutzenden von Säulen, die das vierstöckige Gebäude stützen. Das Holz dafür stammt aus den Wäldern im Norden Yunnans.

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Die Tage, zusammen mit Lenka und Oliver waren im Flug vorbei. Wir profitierten viel von ihren China-Erfahrungen. Sie kehrten nach Beijing zur Arbeit zurück, wir flogen weiter in die Provinz Sichuan, nach Chengdu, die Heimat der Pandabären.

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Am heutigen Morgen klingelte der Wecker schon um 05:00 Uhr. Wir mussten unsere Koffer bereits wieder packen, denn um 08:50 h startete unser Flieger nach Guilin, in der Provinz Guangxi, im Südwesten Chinas, etwa 3 Flugstunden von Beijing entfernt. Von nun an müssen wir ohne Oliver’s Hilfe zurechtkommen. Halb verschlafen erreichten wir per Taxi den Flughafen. Wir hielten Ausschau nach dem richtigen Check-in-Schalter und schon wurden wir von einem hilfsbereiten, in einem schwarzen Anzug gekleideten Chinesen, überrumpelt. Erst glaubten wir, es sei ein offizieller Angestellter des Flughafens. Vor jedem Check-in-Schalter gab es eine lange Schlange reisefreudiger Passagiere, die darauf warteten, dass ihr Gepäck abgefertigt wird. Unser ranke Chinese nahm uns Pass und Gepäck ab, schlüpfte unter den Absperrungen hindurch, steuerte auf den ersten Schalter zu und keine 5 Minuten später waren wir im Besitz der Boardingkarte. Es ist ja klar dass dieser kleine Service nicht umsonst war. Er zog uns in eine ruhige Ecke, holte seinen Taschenrechner hervor und zeigte uns die stolze Zahl 600. Soviel Yuan (ca. Fr. 100.00) wollte er von uns für diese Dienstleistung, die wir nicht von ihm verlangt hatten. Man kann es ja versuchen, aber nicht bei Meilis, denn die haben in den wenigen Tagen schon einiges gelernt. Wohl oder übel musste er sich mit 100 Yuan zufrieden geben. Nach Oliver hätten 20 Yuan genügt! Wir sind wieder um eine Erfahrung reicher geworden. Eigentlich hätten wir gar keinen Express-Check-in gebraucht, denn wir waren früh genug am Flughafen. Aber als wir merkten, worum es ging, war alles schonpassiert. Wir denken, für das nächste Mal sind wir gewarnt. Es wird der erste und letzte Express-Check-in in China gewesen sein.
Trotz vielen Blumen ist Guilin keine Stadt zum Verweilen, deshalb blieben wir nur für eine Nacht dort. Am nächsten Morgen, pünktlich um 08:30 h holte uns unser Fahrer ab, um uns an die Schiffsstation am Li-River zu chauffieren. Im morgendlichen Stossverkehr steuerte er uns durch die Strassen von Guilin, dann übers Land, durch üppig grüne Felder. Armin und ich sahen uns an und wir waren uns einig, er bringt uns direkt nach Yangshuo und die Schifffahrt auf dem Li-River können wir uns abschminken. Doch siehe da, nach einer knappen Stunde waren wir doch bei der Schiffsstation angekommen. Einmal mehr wurde uns klar, dass die chinesischen Dimensionen eben anders sind.
Leider hatte uns der Sonnenschein seit der Landung in Guilin schon wieder verlassen, doch der Nebel verlieh der einzigartigen Natur einen mystischen Anstrich. Die 4-stündige Schifffahrt von Guilin nach Yangshuo, durch die einmalige Karstlandschaft, war trotz des trüben Wetters ein Erlebnis.

Während wir das einmalige Karstgebirge bestaunen, wird in der Bordküche eifrig gekocht

Während wir das einmalige Karstgebirge bestaunen, wird in der Bordküche eifrig gekocht

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Yangshuo, mitten im Karstgebirge gelegen, ist ein beschauliches Städtchen. Obwohl es von Touristen überrannt wird, hat es doch seinen Charme. An der Strasse von der Schiffsanlegestelle ins Zentrum reiht sich Souvenirladen an Souvenirladen. Angesichts des Touristenstromes sind die Händler entsprechend aggressiv und feilschen ist ein absolutes „muss“.

Eindrücke aus dem Alltag

Eindrücke aus dem Alltag

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Am zweiten Tag wir wurden vom Wetterglück total verlassen. Trotz der dunklen Wolken stiegen wir in den Bus, um das historische Städtchen „Fuli“ zu besuchen.

BfU geprüfter Notsitz im Kleinbus

BfU geprüfter Notsitz
im Kleinbus

Die Hinfahrt kostete 20 Yuan, für die Rückfahrt wollten sie uns 30 Yuan abnehmen. Während wir noch im Bus sassen, kam es zu einem monsunartigen Wolkenbruch . Als wir vor einem Laden Schutz suchten, wurden uns 2 ca. 30 cm hohe Stühlchen zum Sitzen angeboten. Gegenüber sassen zwei ältere Chinesen auf ebenso niedrigen Stühlen.

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Erst lächelte man sich zu, dann gaben wir, dank Olivers Survival Guide, den beiden zu verstehen, dass wir Schweizer sind und das erste Mal China bereisen. Das Lachen wurde breiter und ihre Reaktion war sofort: Ah, Rolex und Omega!
Meinen Regenschirm hatte ich im Hotel gelassen, in der Annahme, dass Goretex-Jacke mit Kapuze genügen würde. In kürzester Zeit war ich so nass, dass eben ein Schirm doch nützlich gewesen wäre- und – siehe da – schon kamen 2 junge Leute auf einem Roller angefahren und verkauften uns einen Knirps. Das ist eben die Flexibilität der Chinesen, wenn es regnet, verkauft man Regenschirme und Plastikjacken, wenn die Sonne scheint, werden blitzschnell die Sonnenhüte hervorgeholt.
Auch am dritten Tag in Yangshuo schüttete es den ganzen Tag vom Himmel. So fielen die geplante Fahrradtour und die Schifffahrt mit dem Bambusboot buchstäblich ins tiefe Wasser. Selbst die Besteigung eines Karsthügels lohnte sich nicht, denn die viel gepriesene Aussicht war im Nebel und in den Wolken verschwunden. So trieben wir uns in den verschiedenen Märkten umher, kauften einige Souvenirs in der Händlermeile und hatten unseren Spass beim Handeln.

Einige Impressionen vom Marktgeschehen

Einige Impressionen vom Marktgeschehen

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Der Süden Chinas ist ja bekannt für seine Küche. Die hiesige Spezialität ist der Bierfisch. In den Gassen, vor den Restaurants, stehen Plastikkübel mit lebenden Fischen. Bei Bestellung wird ein armes Tier getötet und ganz frisch mit einer Biersauce zubereitet. Bezahlt wird je nach Gewicht des Fisches. Dieses Gericht schmeckte uns ausserordentlich gut. Aber für Hundefleisch und gefüllte Schnecken konnten wir uns nicht begeistern.

Chinesische Fortbewegungsmittel

Chinesische Fortbewegungsmittel

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Am nächsten Morgen, um 9:00 h holten uns unser Fahrer und die deutschsprechende Reiseleiterin ab. Erst fuhren wir zurück nach Guilin, wo wir eine Seidenfabrik besuchten, anschliessend ins ca. 80 km entfernte Ping’an in den Bergen. Der Fahrer raste mit uns auf der kurvenreichen, holprigen Strasse auf 850 m ü. M. hinauf. Kurz vor dem Dorf war dann fertig mit Autofahren, das letzte Stück muss zu Fuss zurückgelegt werden, das heisst, man kann sich auch den Luxus leisten und sich per Sänfte den Berg hinauf tragen lassen.

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Baustoffe, wie auch Lebensmittel werden von Pferden oder Menschen ins Dorf getragen.

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Wenn man bedenkt, welch zierlichen Körperbau die Einheimischen haben, glaubt man kaum, welche Kraft sie besitzen. Ping’an ist ein 600 Jahre altes Dorf, wo das Zhuang-Volk beheimatet ist. Die Zhuang-Frauen schneiden ihre Haare nur zweimal in ihrem Leben. Das erste Mal mit 18 Jahren, das zweite Mal bei der Heirat. Sie glauben, je länger die Haare werden, desto länger leben sie. Auch die Haartracht wird vermarktet. Für 10 Yuan öffnen die Frauen ihren kunstvoll gebundenen Haarschopf, um fotografiert zu werden.

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Wir hatten die Absicht von Ping’an durch die Drachenknochenreisterassen nach Dazhai, ins Dorf der Yao-Minderheit, zu wandern. Da sich Lenka und Oliver letzten Februar in dieser Gegend verirrt hatten, zogen wir es vor, dies mit einer Führerin zu tun. Das Wetterglück war auf unserer Seite. Es war trocken und kein greller Sonnenschein begleitete uns. Mit bandagiertem Knie und Knöchel und einer Dosis Ponstan intus, machten wir uns um 8:30 h auf die 5-stündige Wanderung über die Hügel zwischen 850 m – 1150 m.

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Nach ca. 3 Stunden Marsch erreichten wir das Dorf Zhongliu, ebenfalls von fahrbaren Strassen abgeschnitten. Dort hatte eine Bauersfamilie ein Mittagessen für uns vorbereitet. Die Bauersfrau, ebenfalls eine Angehörige der Zhuang und traditionell gekleidet, wollte sicher sein, dass wir kommen und wartete deshalb schon am Ausgang von Ping’an auf uns. Während wir gemächlichen Schrittes vorwärtsgingen, hüpfte sie zwischen den Gebüschen hin und her und pflückte Farnsprossen, die wir später dann gekocht assen. Ein Bündel Holz das am Weg lagerte,stemmte sie so mir nichts, dir nichts, auf die Achseln und trug es in ihr Dorf zu ihrer Mutter.

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Armin vermochte das Bündel nicht zu heben! Die glatte, frische Haut der Frau liess sie jung erscheinen, ich schätzte sie so ca. 35 Jahre alt. Sie war 47 und bereits Grossmutter. Das letzte Stück zu ihrem Hof ging nochmals steil bergan. Die Familie möchte gerne ein Guesthouse eröffnen und hat deshalb ein neues Haus gebaut, mit dem Geld, das Sohn und Schwiegertochter in Kanton verdienen. Das Haus wird in chinesischer Manier gebaut: zuerst wird gebaut, dann geplant. Am Boden in der Küche hat es eine Feuerstelle, wo gekocht wird, einen Rauchabzug gibt es nicht, dafür hängt ein Stück Rauchfleisch über dem Feuer.

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In oberen Stock, in den Schlafzimmern, stehen Betten und Kleiderschränke, WC und Duschen kommen dann noch.
Das für unser Mittagessen vorgesehene Huhn hatte der Bauer bereits eingefangen. Unsere Führerin bestand darauf, dass er das Huhn erst nach unserer Ankunft schlachtet, damit es ja frisch ist.

Kurz vor dem Kochtopf

Kurz vor dem Kochtopf

Das Huhn wurde gerupft, in kleine Stücke geschnitten geschnitten und gekocht (mit Magen, ohne Darm). Dazu gab es noch Räucherfleisch mit Farnsprossen, Wildschnittlauch mit Eiern, frittierte Süsskartoffelscheiben und Reis. Obwohl alles am Boden und nicht gerade professionell zubereitet wurde, schmeckte dieses Menü doch ganz lecker. Nach dem Essen öffnete die Bauersfrau noch stolz ihre Haare für uns – natürlich gegen Bezahlung.

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Anschliessend ging es auf schmalen Pfaden, vorbei an vielen Zhuong-Gräbern, weiter nach Dazhai.

Traditionelles Haus der Zhuong

Traditionelles Haus der Zhuong

Dort, wie auch schon in Ping’an gab es im Guesthouse keinen elektrischen Strom. Angeblich müssen vor dem 1. Mai alle Leitungen in der Region kontrolliert werden, so fehlte auch hier das Licht bis ca. 21:00 h. Im Guesthouse in Dazhai gesellte sich noch Sabine aus Neuchâtel zu uns. Im Dämmerlicht sangen wir zusammen französische und Schweizer Volkslieder zur Freude der anwesenden Chinesen. Beim Abschied am nächsten Morgen wollte die Wirtsfrau noch ein Foto von uns machen. Wir wären so sympathisch gewesen!

Eingangsportal von Dazhai

Eingangsportal von Dazhai

Diese Wanderung und alle Erlebnisse werden, wie auch die Schifffahrt auf dem Li-River, ins Dossier der Highlights unserer Chinareise abgelegt.
Zurück in Guilin, bildete der Besuch einer Vorstellung des New Ballet Circus, eine Mischung von Ballet und Akrobatik, den krönenden Abschluss unseres Aufenthaltes in der Provinz Guangxi. Beindruckend, was da an Körperkraft, Grazie, Kleidern, Musik und Lichttechnik geboten wurde.

Am Vorabend unserer Abreise trat doch noch plötzlich Nervosität auf. Koffer wurden bepackt und wieder ausgepackt. Am Schluss mussten wir Kompromisse machen und einiges zu Hause lassen, was wir unseren Jungen mitbringen wollten.

Bei strahlendem Wetter und endlich angenehmen Temperaturen machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg Richtung Zürich Airport. Am Check-in wurden wir ausserordentlich freundlich begrüsst, unsere bereits reservierten Plätze gegen bessere Sitze ausgetauscht und unsere schweren Koffer ohne Probleme akzeptiert. Irgendwie schien bei diesem herrlichen Frühlingsmorgen für Alle die Welt in Ordnung zu sein. Selbst der Kassier im Duty Free Shop war zum Spassen aufgelegt. Auch der chinesische Pilot, der strammen Schrittes an uns vorbei marschierte, schenkte uns ein Lächeln. Pünktlich um 13:20 h wurden die Türen der A330 der Hainan Airlines geschlossen und wir starteten Richtung Osten in unser neues Abenteuer: China!

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Vergnügt wollten wir nach dem Start mit einem Glas Rotwein auf unser Unternehmen anstossen, aber Armin verschüttete seines schneller als es serviert wurde. Der Pilot lenkte seine Maschine über Prag, Warschau, Moskau, Jektarinenburg und Irkursk nach Beijing. Nach knapp 10 Stunden und einem angenehmen Flug, ohne Turbulenzen landeten wir zur Freude unseres Morgenmuffels Oliver um 05:30 h in der 20-Millionenstadt Beijing.
Trotz der frühen Morgenstunde wurden wir von ihm froh gelaunt begrüsst. Am Zoll kümmerte sich kein Mensch um unser Gepäck. So haben Käse, Kirsch etc. das Ziel perfekt erreicht.

Unsere ersten Erfahrungen und Gehversuche in China.

Nach dem Verlassen des Flughafengebäudes begann das Feilschen mit den Taxifahrern. Oliver zahlte 54 Yuan für die Fahrt zum Airport. Die freundlichen Chinesen rochen das Geschäft mit den ausländischen Touristen. Zwischen 100 – 400 Yuan wollten sie von uns, das Gepäck sei das Problem. Oliver, bereits ein Fachmann im Feilschen wartete bis einer bereit war uns für 80 Yuan zu Olivers Wohnort zu chauffieren.

Lenka's und Oliver's Wohnung im  10.Stock

Lenka’s und Oliver’s Wohnung im 10.Stock

Nach dem langen und kalten Winter freuten wir uns, auf angenehme Temperaturen in Beijing, ist es doch auf demselben Breitengrad wie Rom gelegen. Doch ein kalter, giftiger Wind blies uns um die Ohren und wir klapperten vor Kälte, wie letztes Jahr im französischen Massif Central e. In China ist die Heizperiode bereits anfangs März beendet, ob kalt oder warm. So konnten wir uns in Olivers Wohnung auch nicht wirklich aufwärmen. Bevor unser Sohn zur Arbeit ging, erklärte er uns noch einiges, wie zum Beispiel das Verschliessen der elektronischen Wohnungstür, wo man Bargeld beziehen kann und in welcher Strasse wir etwas Essbares finden würden. Nach einem kurzen Schlaf wagten wir uns auf die Strasse. Ein ganzes Requiem an Fehlermeldungen hat uns das Schloss an der Wohnungstüre vorgespielt, bis wir zur Hotline in Olivers Büro griffen. Nach einigen Versuchen gelang es uns auch Bargeld zu holen. Mit vollem Portemonnaie machten wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. In der beschriebenen Strasse fanden wir ein kleines sympathisches Restaurant, doch keiner sprach Englisch. Das Personal wusste sich zu helfen indem ein Kellner ein Telefon holte und wir einer englisch sprechenden Dame per Telefon erklären konnten, was wir zum Essen und Trinken wünschten. Diese übersetzte dies dem Servierpersonal und so kamen wir zu unserer ersten Mahlzeit in China.
Nach einem langen Jetlag-Schlaf schien uns am anderen Morgen etwas wärmende Sonne zaghaft durch den Beijinger Smog ins Gesicht. Ein Tag des Lernens stand bevor. Oliver brachte uns das Verkehrssystem, wie U-Bahn und Bus bei. Wir lernten „Danke“ in Chinesisch zu sagen und wir merkten bald, dass auch Flexibilität gefragt ist. Mit der U-Bahn fuhren wir zum Yuyuantan-Park, wo die Kirschbäume in voller Blüte standen. Auf einer Tafel vor dem Eingang war schwarz auf weiss vermerkt, dass Rentner über 65 Jahren kein Eintrittsgeld bezahlen müssen, doch am Schalter hiess es dann, dass diese Regelung erst ab 70 Jahren gelte. Es ist üblich hier, dass täglich, je nach Befinden irgendeiner Person die Regeln geändert werden. Die geschäftstüchtige Mentalität müssen wir erst noch richtig verstehen lernen. Schnell mussten wir feststellen, dass es neben vielen Schlitzaugen ebenso viele Schlitzohren gibt. Es kommt auch durchaus vor, dass wir selbst in der Grossstadt als „Homo Langnase“ angestarrt oder gar fotografiert werden.

Glocke am Eingang des Parkes

Glocke am Eingang des Parkes

Frühlingsfreude

Frühlingsfreude

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Frühlingsmode oder Notwendigkeit?

Frühlingsmode oder Notwendigkeit?

Die chinesische Mauer

Ca. 8000 km zieht sich das gewaltige Bauwerk von Ost nach West, über Berge und Täler. Mit dem Bau wurde ca. 200 Jahre v. C. begonnen. Bereits vorher hatten regionale Könige isolierte Mauernstücke gebaut, um plündernde Nomaden fernzuhalten. Kaiser Qin liess die Mauerstücke durch hunderttausende Arbeiter – meist politisch Gefangene- mit einander verbinden. Die zehnjährige harte Arbeit leitete General Meng Tian. Er baute den Kern der Mauer aus ca. 180 Mio. m3 gestampftem Lehm, nach der Überlieferung, versetzt mit den Knochen verstorbener Arbeiter.

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Um dieses gewaltige Bauwerk zu besuchen, klingelte unser Wecker um 05:30 h. Wir kauften uns Billette für 120 Yuan, Busfahrt hin und zurück, Eintritt sowie Gondelfahrt vom Tal auf die Mauer, inbegriffen. Schwarz auf weiss stand es wiederum auf dem Ticket geschrieben. Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir Jinshanling. Dieses Mauerstück ist noch nicht so ein grosser Touristenmagnet, deshalb war die Fahrt im halbvollen Bus angenehm. Bei der Talstation der Gondelbahn kam das nächste Aha -Erlebnis. Wir mussten nochmals 40 Yuan für die Bergfahrt bezahlen, ist plötzlich nicht mehr inbegriffen! Oben auf der Mauer angelangt, hatten wir bald eine freundliche Chinesin im Schlepptau. Sie wollte der alterden, weisshaarigen Dame behilflich sein über die teilweise hohen Treppen zu steigen und natürlich ihre Souvenirs zu verkaufen. Es dauerte recht lange, bis sie begriff, dass ich ihre Hilfe nicht nötig hatte. Es blieb uns genügend Zeit, auf dem imposanten Bauwerk herum zu klettern, an der Sonne einen Pic Nic zu geniessen und anschliessend wieder ins Tal zur Bushaltestelle zu spazieren.

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Vielleicht hätte ich die Hilfe der freundlichen Chinesin doch annehmen sollen, denn beim steilen Abstieg rutschte ich aus und verdrehte mir Knie und Knöchel. Erst dachte ich, dies wäre bereits das Ende meiner Reise. Doch nun humple ich in den nächsten Wochen durch China. Kaum zu glauben, letztes Jahr fuhr ich mit dem Fahrrad 4300 km, ohne einen Kratzer abzubekommen, dieses Jahr muss das am dritten Tag passieren.

Armin

China 2013

Wenigstens nach dem Kalender neigt sich der Winter langsam dem Ende zu. Obwohl Ende März/Anfang April der Blick am frühen Morgen in die weisse, schneebedeckte Landschaft keine besondere Reiselust erweckt, füllt sich unser Gästebett, als Zwischenspeicher bereits wieder mit den verschiedensten Dingen für unsere nächste Reise.
Die Fotos von unserer Radtour um die iberische Halbinsel sind ausgemistet und die Fotobücher gedruckt. Die Velos hängen in fahrtüchtigem Zustand wieder in unserer Garage. Zwei Tage nach unserer Rückkehr von der langen Veloreise in Spanien, wurden auch unsere Fahrräder vom Spediteur nach Hause geliefert. Der Anblick war zum Heulen. Die Räder wurden von der Transportfirma in Kartons verpackt. Damit sie hinein passten, wurden die Vorderräder demontiert. Das vordere Schutzblech wurde einfach nach oben geknickt, die Lenker wurden unsachgemäss abmontiert und zerlegt. Da die Schachteln vom Transport beschädigt waren, gingen verschiedene Teile verloren. Bevor die Räder verpackt wurden, muss etwas Schweres auf sie runter gefallen sein, denn die Rahmen waren bis aufs blanke Aluminium beschädigt und gestaucht. Was nun folgte war ein zermürbendes Hin und Her, zwischen den Transportfirmen und uns. Keiner schien verantwortlich zu sein. Unzählige Mails wurden geschrieben. Schliesslich bekamen wir dann doch noch das OK für die Reparatur, obwohl die Räder angeblich nicht versichert waren. Ende gut – alles gut!
Die Zeit zerrinnt ja so schnell! Kaum hatten wir alle unsere Freunde und Verwandten begrüsst, mussten wir uns mit der nächsten Reise auseinandersetzen. An Weihnachten besuchte uns aus China unser Sohn Oliver für 5 kurze Tage. Die Zeit war gedrängt. So setzten wir erst mal unseren Reisetermin fest und buchten die Flugtickets. Mit Hilfe der entsprechenden Lektüre, machten wir eine Grobplanung für unsere Reise durch China. Bald mussten wir feststellen, dass die geplanten 9 ½ Wochen zu kurz waren für unser Programm. Der Versuch, bei der Fluggesellschaft den Rückreisetermin zu verschieben, scheiterte am Preis. Der Preis für die „Verschiebekosten“ war höher als ein Flugticket Zürich – Beijing – Zürich. So mussten wir schweren Herzens einiges aus unserem Programm streichen, wie zum Beispiel der Besuch von Hongkong. Vielleicht ergibt sich in unserem Leben nochmals eine Gelegenheit diese Stadt zu besuchen, jedoch in die hinterste Ecke Chinas werden wir wohl kaum nochmals kommen. Ende Januar besuchten wir in Zürich die Ferienmesse, in der Hoffnung, weitere Unterlagen von China zu erhalten. Am chinesischen Stand trafen wir auf Herrn Chen. In einwandfreiem Deutsch konnte er uns einiges an Auskünften geben und füllte unsere Tasche mit vielen Prospekten. Er erklärte uns, er hätte seinen Sitz in Beijing und würde für uns alles organisieren. Zusammen mit Oliver machten wir uns an die Feinplanung. Er kontaktierte Herrn Chen in Beijing und unsere Reise hat nun konkrete Formen angenommen. So langsam packt uns das Reisefieber.
Während die beiden Männer in Beijing verhandelten, waren auch wir nicht untätig. Wir liessen uns medizinisch beraten, beiden von uns wurden Tollwutimpfungen in den Oberarm gestochen und die Reiseapotheke wurde noch etwas ergänzt.
Die Touristenvisa wurden ohne grosse Probleme und Bürokratie im chinesischen Konsulat in Zürich ausgestellt.
Oliver will mit seinen chinesischen Freunden ein Schokolade-Testessen veranstalten. So kam die Bestellung für verschiedene Schokolademarken, von der lila Kuh über die gängigen Marken bis zur besten Schokolade der Welt aus dem grossen Supermarkt mit dem orangen „M“.
Auch Schweizer Rohmilch-Raclettekäse steht auf der Bestellliste. Diese Wünsche werden doch gerne erfüllt.

Bald ist es soweit!

Salamanca – Avila 103 km Mietauto
Avila – Toledo 139 km Mietauto
Toledo – Cuena 188 km Mietauto
Cuenca – Teruel – Alcaniz – Cambril 437 km Mietauto
Cambril – Montbrio del Camp – Taragona
– Montbrio del Camp 41 km Mietauto
Montbrio del Camp – Barcelona 132 km Mietauto
Barcelona – Madetswil 1075 km Zug

Nach der Millimeterarbeit in der Tiefgarage, suchten wir wie immer, die richtige Strasse um aus Salamanca heraus zu kommen. Bei einer Signalanlage, die auf Rot stand, leicht am Hang, stand vor uns ein VW Golf, darinnen zwei blutjunge Burschen. Als die Anlage auf Grün wechselte, wäre „Anfahren am Berg“ gefragt gewesen. Der Fahrer war nicht im Stande, den Wagen zu starten und sah hilflos in den Rückspiegel. Nach einer Weile Warten und Geduld, machte Armin ein Überholmanöver. Im selben Moment startete auch der VW, fuhr unkontrolliert los und Wups: Es kam zu einer Streifkollision. Die beiden Schnösel sahen ziemlich übernächtigt aus, sie waren kreidebleich und schlotterten. Wahrscheinlich waren sie auf dem Heimweg von der Samstagsparty. Sie wollten das Ganze auf einfache Art lösen, Armin aber verlangte einen Polizeirapport – als Ausländer mit einem Mietauto. Der eine telefonierte dann seiner Mutti und versuchte uns klar zu machen, dass sie bei der Polizei arbeite. Ob sie wirklich dort arbeitet? Als dann zwei richtige Polizeiautos , mit allem Drum und Dran bei uns eintrafen, hielt sie sich jedenfalls im Hintergrund. Als alles geregelt und die Papiere ausgefüllt waren, machten sich alle drei aus dem Staub, ohne ein Adios oder Perdon. Die Mutti chauffierte die zwei Buben nach Hause. Wir fragten die Polizisten nach dem Weg um nach Avila zu gelangen. Sie boten sich an, uns aus der Stadt zu begleiten. Die Polizei dein Freund und Helfer! Mit einer Polizeiescorte verliessen wir mit etwas Verspätung Salamanca.
Fazit: Autofahren ist viel gefährlicher als Velofahren!
Während dieses Zwischenfalls waren unsere Adrenalinspiegel auf Höchstmarke gestiegen. Das war wahrlich des Guten zuviel.
Mit der Fahrt nach Avila verliessen wir die Via de la Plata bereits wieder und fuhren Richtung Osten zu einem weiteren Weltkulturerbe. Wenn man auf die Stadt zu fährt, ist sie schon von weitem zu erkennen. Sie liegt auf einem Hügel und ist von einem 2,5 km langen Bollwerk von Festungsmauer umgeben. 88 Wachttürme schützten einst die Stadt.

300 Jahre lang wechselten sich Muslime und Christen regelmässig mit der Herrschaft ab, bis schliesslich die Christen endgültig das Ruder übernahmen.

Avila ist verkehrsmässig an das spanische Eisenbahnnetz angebunden und verfügt über einen beachtlichen Bahnhof. Wir nutzten diese Gelegenheit und liessen uns 2 Plätze im Euro-Night-Zug von Barcelona nach Zürich, für den 26. August reservieren. Unverhofft einfach lief dieses Prozedere ab.
Beim Bummel durch die Altstadt trafen wir auf eine Ausstellung verschiedenster Künstler. Aus allen Regionen Spaniens wurde schönes Kunsthandwerk zum Kauf angeboten, geschmackvolle Lederartikel, Schmuck, Holzwaren etc. Anhand der Preise musste es sich um sehr renommierte Künstler gehandelt haben.

Nun jagen wir von einem Weltkulturerbe zum Anderen.

Strasse von Avila nach Toledo

Heute war es Toledo. Diese Stadt liegt südlich von Madrid und kann von dort aus einfach als Tagesausflug besucht werden. Toledo trägt nicht umsonst den Titel „La ciudad imperial“, die Königsstadt. Mit ihren Synagogen,

Kirchen,

einer bescheidenen Moschee und den Museen ist sie das kulturelle Zentrum Spaniens, sozusagen das Rom der iberischen Halbinsel. Dazu kommt noch die atemberaubende Lage auf einem felsigen Hügel, hoch über dem Rio Tajo.

Alcasar thront über der Stadt

Seit Jahrhunderten ist Toledo bekannt für die Qualität, der hier hergestellten Schwerter und Messer. Sie werden auch überall verkauft. Armin konnte seinem Sammlertrieb nicht widerstehen und seine Messersammlung ist um ein weiteres kunstgefertigtes Stück grösser geworden. Ein weiterer Bestseller ist alles, was mit „“Damasquinado“ zusammen hängt. Es ist ein altes arabisches Kunsthandwerk. Metall wird mit einem Messer aufgeraut. Anschliessend wird es mit feinen Gold- oder Silberfäden verziert und angepresst. Am Schluss kommen die Stücke in einen Ofen, damit sich die Metalle zusammen verschmelzen. Schmuckstücke aller Art, Teller, Brieföffner etc. werden mit dieser Technik in fast jedem Laden verkauft. Marzipan steht ebenfalls auf der Bestsellerliste. Sogar die Nonnen beteiligen sich an diesem süssen Geschäft.
Bei unserer Ankunft in der Stadt, am späten Vormittag, war schon einiges los und die Strassen sehr belebt. Am Abend aber, als die Geschäfte ihre Türen geschlossen hatten, wirkte sie wie ausgestorben.

Heute vernahmen wir, dass unsere Räder immer noch in Spanien sind und nicht über die Grenze transportiert werden können, da eine Passkopie von uns fehle. Gemäss Transportfirma akzeptiere der Zoll keine Kopie der Idenditätskarte. Mühsam erklärten wir der freundlichen Dame, dass wir erstens keinen Pass haben und zweitens diesen auch nicht benötigen, da wir in ganz Europa mit der Idenditätskarte umherreisen können. Sie hatte ein grosses Aha-Erlebnis und meinte sie würde das mit den Zollbeamten klären. In Algeciras, beim Transporteur mussten wir zwar die ID-Nummer angeben, aber die hübschen und sexy Damen hatten es unterlassen, von der Karte eine Kopie zu machen. Wir fotografierten die ID-Karte auf beiden Seiten und schickten diese Angaben per E-Mail. Nun sind wir gespannt, wer zuerst zu Hause ist, wir oder die Räder?

Eigentlich wäre Madrid auch auf unserer Reiseroute gestanden. Wir hatten jedoch überhaupt keine Lust, mit dem Auto in diese Grossstadt zu fahren. Mit dem Velo wären wir irgendwo in einen Regionalzug gestiegen und hätten uns direkt ins Zentrum fahren lassen. So beschlossen wir, uns diese Stadt zu einem späteren Zeitpunkt, in Form einer Städtereise, zu besichtigen. Wir fuhren gleich weiter, zum nächsten Weltkulturerbe, Cuenca.

Die Umgebung von Cuenca ist ein stark bewaldetes und fruchtbares Gebiet, mit zerklüfteten Bergen.

Zwei Flüsse sorgen dafür, dass die Felder auch im August saftig grün sind, der Rio Huécar und der Rio Jucar. Nach so viel ebenem Land, abgemähten und goldenen Weizenfeldern, tat der Anblick von zwar verblühten, aber doch noch grünen Sonnenblumenfeldern und Wälder richtig gut. Auch Cuenca ist sensationell gelegen, auf einer Hügelzunge zwischen den beiden genannten Flüssen. Wie aus einem Canyon ragt die Stadt hervor. Das Wahrzeichen dieses Ortes, sind die hängenden Häuser, die an den tiefen Schluchten kleben, die die Stadt umgeben.

Eine grosse Kathedrale und viele Museen fehlen ebenfalls nicht.

Wie in Toledo, ist auch hier nicht mehr viel aus muslimischer Zeit übrig geblieben. Beeindruckend war der Spaziergang, rund um die Stadt, hoch über den Felsen.

Auf den letzten 400 km Richtung Mittelmeerküste lernten wir ein weiteres Kapitel von Spaniens Vielfalt kennen. Es sind keine historischen Bauwerke mehr, sondern die Natur. Mit dem Fahrrad hätte dieser Abschnitt nochmals einiges von uns gefordert. Zwar waren die Strassen gut, nicht zu stark befahren, die Topografie hätten wir auch gemeistert. Aber die erste Unterkunft sahen wir nach 109 km. Ohne Zelt wären wir verloren gewesen.
Nach Cuenca ging es grün, hügelig und abwechslungsreich weiter. Kurz vor Teruel wurden wir von wunderschönen, roten Steinformationen überrascht.

Doch nach Teruel war die Landschaft wieder kahl, öd und steinig und hatte trotzdem einen ganz besonderen Reiz.

Zwischen den Steinen wurden Getreideäcker angelegt. Äcker, die nicht mit grossen Maschinen bearbeitet werden können. Wie es aussieht, mussten diese Felder erst in mühsamer Arbeit von den Steinen gesäubert werden. Halbverfallene Bahnhöfe zeugen davon, dass hier einmal eine Eisenbahn fuhr.

Stillgelegte Bergwerke sind heute nur noch Museen.

Die wenigen kleinen Dörfer sind an die Berge geklebt, nur sind sie nicht weiss, wie in Andalusien, sondern grau-braun, wie getarnt in der Farbe der Erde.

Dann wechselte das Landschaftsbild wieder, liebliche Täler mit Oliven- und Mandelbäumen.
Da uns keine grossen, historischen Orte mehr auf uns warteten, beschlossen wir, direkt an die Mittelmeerküste zu fahren, um dort noch einige Tage auszuspannen, bevor wir die letzte Stadt unserer Reise, Barcelona, besuchen werden. Am liebsten wäre uns ein kleines Familienhotel, mit Swimmingpool, bequemen Liegestühlen und Sonnenschirm gewesen. Wir steckten unsere Köpfe über die Landkarte, um herauszufinden, welcher Ort sich wohl für unsere Wünsche eignen würde. Cambrils? Diesen Namen hatten wir doch schon oft zu Hause in Reiseprospekten gelesen. Dort angekommen, war unser Traum bald zerschlagen. Alles ausgebucht! Ist ja klar, es herrscht ja Finanzkrise (?). In einer Pension, ohne Parkplatz, fanden wir schliesslich doch noch ein Zimmer für eine Nacht, damit wir wenigstens liegen konnten. Bei der Parkplatzsuche war das Glück auf unserer Seite.
Erst mussten wir uns an das feuchtwarme Waschküchenklima gewöhnen. Die Städte Salamanca, Avila, Toledo und Cuenca liegen alle auf einer Höhe zwischen 800 – 1100 m über Meer. Dort war die Luft trocken und die Temperaturen angenehm.

Am anderen Morgen packten wir unsere sieben Sachen wieder zusammen und machten uns erneut auf die Suche nach einem Hotel unserer Wünsche. Wir wurden denn auch bald fündig. Im Internet wurden wir auf einen Ort aufmerksam gemacht, der ca. 6 km in Landesinneren, gleich hinter Cambrils liegt, Montbrio del Camp. Dort gibt es ein Wellness- und Thermenhotel, das noch freie Zimmer hatte. Zwar ist es kein kleines Familienhotel, hat aber einen grossen, kostenlosen Parkplatz, eine wunderschöne Gartenanlage mit plätschernden Brunnen, schattenspendenden Bäumen, Swimmingpool, Liegestühlen und Wellnessanlage. Es fehlte nur noch der Kurschatten!

Wir merkten bald, dass das Ausspannen auf einem Liegestuhl , unter einem Sonnenschirm, am Pool keine einfache Sache ist und man erst um die gewünschten Utensilien und Orte kämpfen muss . Der Swimmingpool und die dazugehörige Umgebung wird erst um 11:00 h morgens geöffnet. Wenn man erst um 11:15 h kommt, sind alle Liegestühle unter den Bäumen und unter den Sonnenschirmen bereits mit einem Frotteetuch belegt, das heisst besetzt. Wir hatten jedoch das Glück, dass wir uns trotzdem noch zwei Liegestühle, samt Schirm ergattern konnten. Besonders den Schirm mussten wir hüten, damit er nach unserem Bad, nicht plötzlich bei einem anderen Liegestuhl stand. Während Stunden sah man niemanden auf den mit Badetüchern belegten Stühlen liegen, Hauptsache reserviert. Einige Schlaumeier steigen gar vor 11:00 h über den Gartenzaun und deponieren ihre Tücher, damit sie sich ganz sicher an die Sonne legen können. Es war also auch nicht möglich, früh morgens vor dem Frühstück, einige Runden alleine, ohne Gekreisch, zu schwimmen. Zum Glück mussten wir in den letzten 4 Monaten nicht ums Velo kämpfen.

Unsere strapazierten Füsse hatten dringend eine Pflege nötig, nach so viel Velofahren und Fussmärschen. Also war doch ein Peeling mit Zucker und Zitronen, anschliessend eine Maske mit weissem Tee und Orchideen, und schliesslich einsalben mit Avocadocreme genau das Richtige für sie und im Hotel wurde diese wunderbare Behandlung angeboten.

Das Faulenzen war nicht unser Ding und bald konnten wir nicht mehr ruhig sitzen. So machten wir einige Ausflüge in der näheren Umgebung. Als erstes fuhren wir nochmals nach Cambrils. Die Touristen sprechen meist Spanisch, Französisch und Russisch. Selbst Speisekarten und Hotelprospekte sind in Russisch geschrieben.
Wir badeten unsere Füsse im warmen Mittelmeer. Morgens um 11:00 h war die erste Reihe am Strand schon voll besetzt.

Sardine an Sardine! Zwar waren es nicht junge Paare mit Kindern, die Sandburgen bauen,

sondern meist Senioren, die sich gerne als Sardinas fritas fühlen. Wir setzten uns eine Weile auf eine Bank an der Strandpromenade, um unsere Füsse zu trocknen und beobachteten das Treiben am Strand. Liegestühle, Sonnenschirme und Kühltaschen wurden angeschleppt. Wir konnten uns für diese Playa nicht so richtig begeistern, wir sind wählerisch geworden. Zuviele schöne Strände sahen wir an der Atlantikküste.

Als zweites besuchten wir das ca. 25 km entfernte Tarragona. Für die römischen Ruinen konnten wir uns nicht mehr so ganz begeistern. Es scheint, als wären wir etwas gesättigt.

Zum Abschluss unserer Wohlfühltage fuhren wir noch einige Kilometer ins Hinterland, in die Hügel, zum Castell-Monastir de Sant Miquel d’Escornalbou. Hoch oben auf einer Bergspitze liegt dieses verlassene Kloster, mit einer herrlichen Rundsicht auf die umliegenden Berge.

Gott allein weiss, was einst die Leute dazu bewegte, in dieser verlassenen und steilen Gegend ein Kloster zu bauen. Die Strasse dort hinauf wies eine Steigung von 16 – 18 % aus. Wie es aussah, ist es für manche Velofahrer eine ehrgeizige Herausforderung, dort hinauf zu kriechen. Nur wir waren die Unsportlichen die mit dem Auto hinauffuhren und wurden von schlechtem Gewissen geplagt.
Wieder unten im Tal, besuchten wir den Parque Sama, der nur wenige Kilometer vom Hotel entfernt liegt. Der Park wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Der Besitzer war ein Nachkomme, einer in Kuba lebenden Familie. Hier, zwischen Haselnuss-, Mandel-, Aprikosen-, Oliven- und Weinfeldern wollte er eine exotische Atmosphäre der verlorenen Kolonie bringen. Bis zum spanischen Bürgerkrieg gab es auch noch einen Zoo. Heute findet man noch 10 Papageien in einem Haus. Mitten im Park gelangt man an einen idyllischen See, mit Inseln, Brücken, einem Kanal der zu einem Wasserfall führt.

Nach 4 Tagen Ausspannen, brachen wir zu unserer allerletzten Etappe nach Barcelona auf. Uns war etwas bange zu Mute. Würden wir gleich den Weg zur Autovermietung auf dem Flughafen Barcelona finden, in diesem Strassenwirrwarr? Was wird wohl „Hertz“ zum Kratzer am Auto meinen? Wie kommen wir mit all unserem Gepäck ins Zentrum der Stadt? Werden wir ein bezahlbares Hotelzimmer ohne Vorreservierung finden? Alle unsere Bedenken waren umsonst und es lief alles wie am Schnürchen. Der Flughafen war gut gekennzeichnet, wenn auch immer unter einem anderen Symbol. Es gab sogar eine spezielle Spur für „Car Return“. Hertz nahm den Schaden zwar zur Kenntnis, ging aber nicht weiter darauf ein. Ein Shuttlebus brachte uns direkt ins Zentrum. Die Touristeninformation war sehr kooperativ und reservierte uns gleich ein Zimmer. Sogar Mehrtageskarten für die Metro konnten wir hier kaufen.
Nachdem wir unser Gepäck im Hotel deponiert und uns von den Strapazen erholt hatten, setzten wir uns erst einmal ins Café Zurich an der Plaza Catalunya und liessen die vibrierende Atmosphäre der Stadt auf uns einwirken.

Mit einem Touristenbus machten wir eine ca. vierstündige Stadtrundfahrt, um eine Übersicht über die 1,5 Millionenstadt zu gewinnen.
Die Stadt wurde einst auch von den Römern gegründet. Ihre Spuren sind jedoch fast verschwunden. Aber da wir eh gesättigt von römischer und maurischer Baukunst sind, kam uns das gerade recht. Wir erkannten bald, dass der Abschluss unserer Reise ein Leckerbissen sein wird.
Die Stadt war von jeher immer dem Fortschritt zu getan. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Stadt aus allen Nähten platzte, wurden die Stadtmauern abgerissen und eine Erweiterung, rund um die Altstadt, das heutige Barri Gotic, wurde schematisch geplant. In den neuen Quartieren wurden viele Häuser im katalanischen Jugendstil (Modernisme) gebaut. Der Modernisme zeichnete sich durch seine Neigung zu geschmeidigen, fliessenden Linien und (für jene Zeit) gewagten Kombinationen wie Kacheln, Glas, Backstein, Eisen und Stahl aus.

Die Modernisten wurden jedoch auch von einer erstaunlichen Vielfalt anderer Stilrichtungen, wie Gotik, Islam, Renaissance, Romanik, Barock und Byzanz, beeinflusst. Ende des 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte ein Genie von Architekt das Stadtbild: Antoni Gaudi. Heute bilden 7 seiner Werke in der Stadt ein Unesco Weltkulturerbe.
Einen Tag widmeten wir diesem Architekten. Erst besuchten wir das Wahrzeichen Barcelonas, Gaudis Kathedrale „Sagrada Familia“. Fast eine Stunde standen wir in einer Warteschlange, um dieses geniale Meisterwerk zu besichtigen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist die Kirche im Bau.

Die Baukosten werden jeweils aus den Eintrittsgeldern finanziert. Immer wenn wieder etwas Geld zusammen ist, wird an einer Ecke, nach Gaudis Sinn, weitergebaut. Man rechnet, dass die Kirche ca. 2020 fertig gestellt sein wird. Die verschiedenen vermischten, und doch modern wirkenden Baustile faszinieren. Man könnte Stunden in dieser Kirche oder ausserhalb verbringen und immer sieht man wieder ein neues ausgefeiltes Detail.

Der Parque Güell ist ein weiteres Kunstwerk Gaudis. Graf Güell, ein stetiger Auftraggeber Gaudis, kaufte im Jahr 1900, damals noch ausserhalb der Stadt, ein Hügelgrundstück. Er wollte dort eine Minigartenstadt für Reiche schaffen. Das Projekt wurde 1914 aufgegeben, doch Gaudi hatte bis dahin auf seine unnachahmliche Weise, 3 km Wege, Strassen, Treppen, Viadukte,

einen Platz, sowie zwei Knusperhäuschen-Torpavillons gebaut.

Vom Eingang, bewacht von einem mit Mosaiksteinen verzierten Salamander, führen Treppen zur „Sala Hipostila“, einen Wald von 84 Steinsäulen, die ursprünglich als Markthalle gedacht war.

Auf dem Dach dieser Markthalle öffnet sich ein weiter Platz, der von der „Banc de Trencadis“ , einer gekachelten Sitzbank, umgeben ist.

Vom obersten Hügel dieses Parkes aus, geniesst man eine herrliche Aussicht über Barcelona, bis hin zum Meer.
Die Weltausstellung 1929 und die Olympiade 1992 haben viel dazu beigetragen, dass alte und verfallene Quartiere abgerissen, neubebaut oder renoviert wurden.


Olympisches Feuer

Torre Agbar

Auch im Hafen hat man sich auf die neuen Gegebenheiten ausgerichtet.

Die höchste von den 64 Kolumbussäulen auf der ganzen Welt.

Immer mehr Kreuzfahrtschiffe legen hier an und Barcelona gehört zu den wichtigsten Häfen rund um das Mittelmeer.

Der alte Leuchtturm wurde als Seibahnmasten umfunktioniert.

-Wir besuchten das ehemalige Königsschloss mit seinem üppig grünen Garten. Das Schloss wird nicht mehr von der Königsfamilie benutzt. Heut sind dort ein Keramik- und Textilmuseum untergebracht. Im Keramikmuseum sind auch Werke von Miro und Picasso ausgestellt.
– liessen uns mit dem Funicolar

auf den Tibidabo, den ca. 500 m hohen Berg bei Barcelona, hinauf transportieren.

Nicht die zwei übereinander liegenden Kirchen, die nachts weitherum sichtbar sind, sind dort die Hauptattraktion,

sondern der Vergnügungspark. Der Park besteht schon seit ca. 100 Jahren und ist ein Gemisch von Nostalgie und High-Tech.

-Nachts um 21:00 h sahen wir den farbigen Wasserspielen des Font Magica de Monjuic.

Mit Musikbegleitung spritzt das Wasser aus den verschiedenen Fontainen, unterhalb des Palastes, der speziell für die Weltausstellung 1929 bebaut wurde.

– besuchten das “Poble espanol de Barcelona“ , ein Freilichtmuseum, ebenfalls im Parque Monjuic und ebenfalls für die Weltausstellung gebaut. Eigentlich sollte es nach der Ausstellung wieder abgebrochen werden. Es war aber das meist besuchte Gelände und blieb bis heute erhalten. Dort werden kunsthandwerkliche oder kulinarische Spezialitäten der verschiedenen Regionen Spaniens angeboten. Die Produkte werden in nachgebauten Häusern, wie sie in den verschiedenen Regionen üblich sind angeboten.

– bewunderten den Arc de Triomf

– lauschten dem munteren Gezwitscher der kleinen Papageien, die die Baumkronen des Parque de la Ciutadella bewohnen.

– liessen uns zu einer Shopping/Lookingtour im bekannten „El Corte Ingles“ hinreissen. Die letzten „Sommerhängerchen“ werden mit viel Rabatt verkauft, daneben sind bereits die ersten Vorboten des Herbstes, die elegante spanische Mode, ausgestellt.

– liessen uns per Lift auf das Dach der Stierkampfarena bringen.

– schlenderten durch das Quartier „Barri Gotic“, die Altstadt mit den engen Gassen und auf der „La Rambla“, Barcelonas Flanierstrasse.

La Rambla

– flitzten per Bus, Tram und Metro durch die Stadt.
100 km Radwege wurden durch Barcelona gebaut. An den verschiedensten Orten stehen Stationen mit Mietvelos, die die Einwohner mit einem Jahresabonnement, benutzen können.

Am Anfang unserer Reise erfreuten wir uns an den ersten blühenden Frühlingsblumen,

hier in Barcelona verlieren die Platanen bereits ihre ersten Blätter. Es ist Herbst geworden.

Während unseres Aufenthaltes in Barcelona erhielten wir zwei Mails von der Transportfirma, die unsere Räder nach Hause bringen sollte. Im ersten Mail teilten sie uns mit, dass der spanische Zoll den Transport nur genehmige, wenn wir eine Proformarechung, ausgestellt von einem Spanier und dessen Passkopie liefern würden. Auf unsere Antwort, es sollte doch möglich sein, unsere Schweizer Räder zurück in die Schweiz zu transportieren, kam dann im zweiten Mail die Nachricht, die Agentur in Algeciras, wo wir die Velos abgeliefert hatten, werde eine Proformarechnung ausstellen und werde eine Passkopie zur Verfügung stellen. Das mit der Proformarechnung hatten wir am 1. August, bei der Aufgabe unserer Velos, genau in dieser Agentur besprochen. Nun sind wir gespannt, was der Schweizer Zoll zu diesem Transport meint. Es würde uns nicht wundern, wenn wir für unsere Tour de Suisse Velos noch Zoll bezahlen müssten.

Pünktlich um 19:25 h verliessen wir Barcelona mit dem Euro-Night-Zug.

Am anderen Morgen, ebenso pünktlich, um 10:09 h kamen wir in Zürich HB an.

Nun ist unsere Reise zu Ende und wir sind um viele unbezahlbare Erfahrungen reicher geworden. Es wird trotz Kälte im April und Hitze im Juli/August (oder gerade deswegen) eine unvergessliche Zeit bleiben und hat Spass gemacht. Wir sind glücklich und dankbar, dass wir unseren Traum verwirklichen konnten und dass wir wieder gesund nach Hause zurückkehren können.
Unsere Tage waren ausgefüllt mit Velofahren, Strassen suchen, Unterkünften suchen, Duschen, Wäsche waschen und Fussmärschen zu den Sehenswürdigkeiten. Ausserdem nahm unser Blog reichlich Zeit in Anspruch. Jedoch die vielen positiven Reaktionen haben diesen Aufwand verdankt.
Alles was zu Hause zurück geblieben ist, war fern und weit weg.
Die Natur faszinierte uns. Vieles ist gekommen und plötzlich wieder verschwunden.
So der Kuckuck, der uns lange Zeit begleitete, die Störche zwischen Burgos und Leon. In Südportugal und Südspanien waren sie plötzlich wieder da. Die Möwen, die uns an einigen Orten am Meer frühmorgens mit ihrem Lärm weckten.
Die vielen Hunde, die uns jeweils hinter den Gartenzäunen ankeiften und anfletschten und die sich beinahe selbst an den Gartenzäunen erhängten vor Aufregung.
Einzig die Tauben waren uns auf der ganzen Reise treu. Ihr Gurren haben wir überall vernommen.
Auch auf der Speisekarte erschienen Spezialitäten und plötzlich waren sie wieder verschwunden.

Der Entscheid ein Auto zu mieten war das einzig Richtige. Die Fahrten über Land waren angenehm, die Städte mit der ewigen Parkplatzsuche stressten uns. Der Nachteil der Reise mit dem Auto war, dass Sehenswürdigkeiten Schlag auf Schlag auf uns einwirkten . Wir hatten am Schluss Mühe alles Gesehene richtig einzuordnen. Das Abenteuer-Feeling, der Kontakt zur Natur und zu den Menschen unterwegs, war weg. Im Auto hörten wir kein munteres Vogelgezwitscher, kein Grillengezirpe oder das Zischen einer Schlange.
Wenn es in den letzten drei Wochen wieder einmal in unseren Gliedern juckte und zuckte, waren wir uns einig, uns fehlen täglich 50 Velokilometer!
Wenn wir am Anfang gewusst hätten, was wir heute wissen, hätten wir einiges anders geplant. Tarifa, als südlichster Punkt Spaniens, war unser ehrgeiziges Ziel, aber es war schliesslich der Mühe nicht wert. Heute würden wir vielleicht unsere Räder in Sevilla für einige Tage einstellen und Andalusien per Auto entdecken, um anschliessend wieder mit dem Velo direkt ab Sevilla auf der Via de la Plata nordwärts fahren. Auf dieser Route wären wir wieder besser dokumentiert. Die Via de la Plata ist und bleibt ein Traum in unseren Hinterköpfen, den wir sicher in einem der nächsten Frühlinge ausleben werden.
Wenn wir jedem Bettler, Gaukler oder Strassenmusikanten einen Euro gespendet hätten, wäre unsere Reise bereits vor zwei Monaten aus finanziellen Gründen beendet gewesen.


Nun sind wir mit Sonne und Wärme aufgetankt. Wir hoffen, dass wir diese Energien bis in den Winter hinein speichern können.
Als Erinnerung bleiben uns nahezu 5000 Fotos, die während der Wintermonate ausgemistet, sortiert und bearbeitet werden müssen, bevor wir die nächste Reise planen. Diese geht (ohne Velo) nach China, wo wir unseren Sohn Oliver und seine Partnerin Lenka besuchen werden.

Algeciras – Ronda 100 km Mietauto
Ronda – Anquetera 94 km Mietauto
Anquetera – Granada 118 km Mietauto
Granada – Cordoba 161 km Mietauto
Cordoba – Merida 264 km Mietauto
Merida – Caceres 74 km Mietauto
Caceres – Salamanca 216 km Mietaut

Nun geht unsere Reise per Auto weiter. Wir setzten uns in den klimatisierten Seat Ibiza und fuhren auf der vierspurigen Autostrasse nach San Roque. Ein komisches Gefühl – ohne in die Pedalen zu treten geht es vorwärts und erst noch viel schneller. Viele Alternativen zu dieser Strasse gab es vorerst nicht. In San Roque bogen wir Richtung Ronda ab. Erst flach ins Tal hinein, neben der Strasse ein wunderbarer Radweg. Die ersten Zweifel über den Transportmittelwechsel kamen auf. Doch nach ca. 50 km ging es stetig bergauf, die Dörfer wurden rarer, die Berge höher. Bei einer Apotheke zeigte das Thermometer 40,5° C. Wir stellten uns vor, wie wir mit unseren Rädern da hinauf kriechen würden, kein Schatten, nur selten ein Dorf mit weissen Häusern an den Hang geklebt.

Wir waren ja grössenwahnsinnig, als wir diesen Abschnitt geplant hatten. Nach ungefähr 100 km erreichten wir Ronda, auf 744 m gelegen. Unter den gegebenen Voraussetzungen wären das mit dem Velo mindestens 3 Tagesetappen mit Übernachtungen im Zelt gewesen.
Kaum im Städtchen angelangt, sahen wir uns mit einem neuen Problem konfrontiert, dem Parkplatz. Das Auto konnten wir nicht auf einem Balkon oder in einer Recéption abstellen. Wir brauchten ein Hotel mit Parkgelegenheit. Alle Strassen waren mit Autos vollgestopft. Zum ersten Mal auf unserer Reise logierten wir in einem 4-Sterne-Haus. Wir staunten nicht schlecht. Das Hotel liegt im Zentrum des berühmten Touristenortes, gleich neben der Stierkampfarena und die Zimmerpreise waren günstiger als in der lausigen Pension in Zahara de los Atunes oder in der zwar originellen, aber lauten Pension in Tarifa.
Von all den weissen Dörfern liegt Ronda am spektakulärsten, hoch oben auf einem Felsplateau, das durch eine 100 m tiefe Schlucht in zwei Hälften geteilt wird. Die berühmte Brücke El Puente Nuevo verbindet die Stadtteile miteinander.

Rundum erstreckt sich die herrliche Berglandschaft der Serrania de Ronda.

Der Ort liegt nur eine Autostunde von der Costa del Sol weg, wirkt aber wie Lichtjahre entfernt. Die Touristen kommen meist nur als Tagesausflügler. Abends kehren sie in ihre Küstenorte zurück und lassen dort ihre Party steigen.
Berühmte Namen wie Dumas, Rilke oder Hemingway werden mit der Stadt in Verbindung gebracht.

Die elegante Stierkampfarena ist eine der ältesten in ganz Spanien und hat Stierkampfgeschichte geschrieben.

Hier begründeten drei Generationen einer Stierkampffamilie die Tradition des modernen, unberittenen Stierkampfes.

Beim Schlendern durch die Stadt, sahen wir in einem Geschäft die gleichen Koffer wie unsere. Im eleganten Touristenort jedoch 4 Euro günstiger als in der Arbeiterstadt Algeciras. – Das tat Armin weh!

Der Tagestourismus ohne nächtlichen Lärm kam uns zu gute. Zwei Nächte schliefen wir tief und gut. Ausgeruht ging unsere Reise weiter. Wir haben nicht die Absicht, nun auf der Autobahn durch Andalusien zu rasen. Deshalb wählten wir die Strasse, der wir auch mit dem Fahrrad gefolgt wären. Erst stieg schon ein seltsames Gefühl auf, aber oben auf der Passhöhe von 1200 m, beim Blick zurück, waren wir wiederum überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Ca. 4 Velo-Tagesetappen fuhren wir über Hochebenen, Hügelzüge, Schluchten, bergauf – und ab. Eine Tagesetappe wäre die Fahrt von einem Dorf ins nächste Dorf gewesen, dazwischen nichts als wunderschöne Landschaft. Ab und zu mussten wir anhalten, um diese eindrückliche Natur zu bewundern.

Wir waren uns einig, es wäre schade gewesen, wenn wir unsere Reise abgebrochen und Spanien fluchtartig verlassen hätten und nach Hause zurückgekehrt wären. Wir sind überzeugt, unsere heutige Tour wäre auch mit dem Fahrrad möglich gewesen, aber zu einer anderen Jahreszeit und sie hätte minutiös geplant werden müssen, mit Vorausreservation der Unterkünfte. Bei diesen Distanzen liegt es nicht drin, in einer ausgebuchten oder geschlossenen Unterkunft anzukommen.
Der Halt in Antequera zum Übernachten hatte sich gelohnt. Als das Auto in der Garage abgestellt war, ging es per Pedes durch den Ort. Die kleine Stadt liegt ebenfalls auf einer Hochebene im Landesinneren, etwa 50 km nördlich von Malaga.

Obwohl der Ort einiges an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, wird er überhaupt nicht von einem Touristenstrom überrannt.
Alle waren hier, die Römer, die Goten, die Araber. Im 15. Jahrhundert übernahmen dann die Christen das Zepter. Alle hatten ihre Spuren hinterlassen. An die 30 Kirchtürme ragen in den Himmel und eine Festung aus maurischer Zeit wacht über dem Ort. Die Stadt, von jeher an einem Kreuzpunkt der Wege gelegen, florierte am meisten im Mittelalter. Deshalb liessen sich viele Adlige hier nieder und bauten ihre Paläste.

Unser nächstes Ziel war Granada. Wir genossen es, den Tag ruhig zu beginnen und nicht mehr im Morgengrauen aus dem Hotel zu stürmen, um wenigstens noch eine Stunde in der Morgenfrische zu radeln. Heute wählten wir die Autobahn, denn wir wollten zeitig in Granada ankommen, um noch Billette für den Eintritt in die Alhambra zu organisieren. Ca. 6000 Eintrittskarten werden täglich verkauft, 2000 davon am Billettschalter, den Rest übers Internet oder sonstigen Vorverkauf. Bis zu einem Jahr im Voraus kann man sich im Internet die Eintrittskarten besorgen.
Als wir unseren Seat Ibiza erstmals in einem Parkhaus abgestellt hatten, war unser erster Gang zum Tourist Office um eine Unterkunft mit Parkplatz zu finden. Die Dame dort mussten wir nicht mehr um geeignete Velorouten befragen und der Tipp von ihr für das Hotel war gut. Sie erklärte uns auch, in welchem Laden wir Eintrittskarten für den Besuch der Alhambra am nächsten Tag, bekommen würden. Alles lief wie am Schnürchen und so konnten wir uns unbeschwert auf den Erkundungsmarsch machen.
Vor der Kathedrale standen wieder die berühmten Damen mit den Buchsbaum- oder Rosmarinzweigen in der Hand.

Vehement wies ich sie ab. Wir beobachteten sie eine Weile und hatten den Eindruck, dass sie weniger dreist waren, als diejenigen in Sevilla.
Erst wurden wir nicht so recht warm mit dieser Stadt. Doch die Fahrt am nächsten Morgen per Autobus zum Aussichtspunkt San Nicolas, mit der wundervollen Aussicht auf die gegenüberliegende Alhambra und der anschliessende Spaziergang durch das muslimische Viertel Albaicin, zurück ins Zentrum, liess einige Worte des Lobes hervorkommen.

Der Besuch der Alhambra, hoch auf dem Hügelrücken, hat uns dann ganz bezaubert. Von aussen wirken die roten Festungstürme- und mauern, vor der prachtvollen Kulisse der Sierra Nevada schlicht, aber imposant. Hinter den Festungsmauern warten der wunderbar ausgeschmückte Nasridenpalast der einstigen Emire und eine prachtvolle Gartenanlage, mit den verschiedenen Brunnen und Wasserspielen. Das Plätschern dieser Brunnen lässt einem das emsige Treiben in der Stadt vergessen.

Das Glanzstück der Alhambra ist der Palacio Nazaries. Dieser Palast ist das prächtigste, islamische Bauwerk in Europa. Der Anblick der Räume und Höfe, die kunstvoll modellierten Stuckwände, der herrliche Kachelschmuck, die feingeschnitzten Holzdecken, versetzten uns ins Märchen 1001 Nacht.

Der arabische Einfluss in dieser Stadt ist nicht zu übersehen. Im Gebiet der ehemaligen Seidenbörse, in den engen Gassen, steht Souvenirladen an Souvenirladen, alle arabisch geprägt.

Einige Gassen weiter riecht es nach Gewürzen und Tees.

Bei unserer Planung entschieden wir uns, von Granada aus, dem Mozarabischen Jakobsweg zu folgen, da doch etwas Dokumentation für diesen Weg vorhanden ist.

Der Weg ist ca. 400 km lang, führt von Granada über Cordoba nach Mérida, wo er in die Via de la Plata mündet. Nachdem zu Beginn den 9. Jahrhunderts das Grab des Apostels Jakobus entdeckt wurde, setzten im 10. Jahrhundert die Pilgerreisen aus allen Teilen Europas nach Santiago de Compostela ein. Auch aus dem Süden der Iberischen Halbinsel, der zu dieser Zeit vom Islam geprägt war, machten sich Christen, die Mozaraber, auf den Weg Richtung Norden.
Wir fuhren entlang dieses Pilgerweges auf der Autostrasse nach Cordoba. Bald sahen wir, dass dieser Weg, auch bei kühleren Temperaturen, nur etwas für Hartgesottene ist. Das einzige, was der mozarabische und der berühmte Camino Francés im Norden gemeinsam haben, sind die gelben Pfeile. Wer diesen Weg wandert, muss die Einsamkeit lieben. Da gibt es keine Pilgerherbergen mit Pilgermenüs, lauschige, schattige Ecken, wo man etwas Kühles trinken kann. Man sieht ein Dorf am Morgen, das nächste am Abend, dazwischen nur Olivenbäume und kahle Berge, soweit das Auge reicht. Wer diesen Weg gewandert ist, kann wahrscheinlich für den Rest des Lebens keine Olivenbäume mehr sehen. Auf diesem Weg gibt es einige Etappen, auf denen man 40 km von einem Bett zum anderen wandern muss.
Auf unserer 160 km langen Fahrt nach Cordoba, atmeten wir einige Male tief durch und waren froh, im klimatisierten Auto zu sitzen. In Cordoba angekommen, dachten wir doch bald wieder an unsere schöne Velozeit zurück. Wie einfach war es doch mit dem Fahrrad ins Stadtzentrum zu kommen, das Rad durch eine Einbahnstrasse zu schieben, direkt vor dem Hotel oder Restaurant zu parken. Die Parkgarage fürs Velo war immer umsonst und kostete nicht fast gleich viel, wie das Zimmer. Aber alle Annehmlichkeiten können wir wahrhaftig nicht haben und Cordoba war diese Mühe wert.
Die Stadt war in ihrer Blütezeit für 2 1/2 Jahrhunderte die Metropole des maurischen Spaniens und noch heute sind die Spuren des ehemaligen Glanzes des Kalifats von Cordoba zu sehen. Die Hauptattraktion ist zweifellos die Mezquita.

Während der Zeit des Kalifats wurde auf den alten Mauren einer westgotischen Basilika, eine gleichwertige Moschee wie in Mekka gebaut, als Pilgerzentrum für den westlichen Mittelmeerraum.

Nach der Rückeroberung der Christen, wurde inmitten der Moschee eine gotische Kathedrale errichtet.

Nun verschmelzen Tonnengewölbe und Barockornamente mit geometrischen Motiven und Versen aus dem Koran.
Schon zeitig am Morgen besichtigten wir dieses wunderbare Bauwerk, das wie die Alhambra in Granada auf der Liste des Unesco Weltkulturerbes steht. Anschliessend bummelten wir durch die prachtvollen Gärten des Alcazars,

durch die engen Gassen der Juderia, dem ehemaligen Judenviertel und wo es möglich war, schauten wir in die verschiedenen Patios.

Meist sind die Patios hinter massiven Holztüren oder Schmideisentoren verborgen. Es sind schattenspendende Innenhöfe, die Ruhe und Frieden ausströmen, mit Pflanzen geschmückt sind und manchmal plätschert ein kleiner Brunnen. Es sind Orte der Begegnung und in der glühenden Sommerhitze ein angenehmer Aufenthaltsort der Einheimischen. Wir tummelten uns auf der römischen Brücke über den Rio Guadalquivir, dem Fluss dem wir bereits in Sevilla und Sanlucar de Barrameda begegnet sind.

Bei der Rückkehr ins Hotel, nach dem Nachtessen, um 22:30 h, zeigte das Thermometer immer noch 32° C. Meteo Espana sagte für die nächsten Tage 46° C voraus.
Die andalusischen Städte, wie Sevilla, Ronda, Granada und nun Cordoba haben alles Schöne, was wir bis jetzt auf unserer Reise gesehen haben, in den Schatten gestellt. Der arabische Einschlag, die wunderschönen Gärten mit den sattgrünen Orangenbäumen haben uns fasziniert. Romanischer Baustil, Gotik, Barock und Renaissance kennen wir zur Genüge. Aber die morgenländische Baukunst war neu für uns.

Heute machten wir uns auf den letzten Abschnitt des mozarabischen Weges. Bald liessen wir die andalusischen Berge, Hochebenen und Olivenbäume hinter uns. Die Landschaft in der Extramadura wurde wieder flacher, nur im Hintergrund sind einige Hügelzüge sichtbar. Auf dieser grossen Ebene wechseln sich Monokulturen ab, entweder kilometerweise Weizenfelder, kilometerweise Olivenbäume oder kilometerweise Rebbau.
Während der Autofahrt fliegen diese Eindrücke schnell vorbei und wenn man die Aufregungen der Parkplatzsuche hinter sich hat, sind sie schon fast vergessen. Die Wirkung ist anders, als wenn man für die gleiche Strecke drei Tage braucht, ständig in Kontakt mit der Natur.
Das heutige Ziel war Mérida, hier wo sich der Mozarabische Weg und die Via de la Plata vereinen. Die Via de la Plata beginnt in Sevilla und führt fast gerade nordwärts durch Spanien hinauf, wo sie in Astorga in den Camino Francés mündet. Jeder erfahrene Pilger kommt ins Schwärmen, wenn er von dieser Route erzählt. Dieser Weg ist auch viel älter als die Pilgerbewegung. Schon die Römer benutzten diese Strasse als Handelsweg. In Mérida haben sie denn auch grosse Spuren hinterlassen. Ein mächtiges Aquädukt, ein imposantes Amphitheater, das heute noch für Vorstellungen benutzt wird und der Tempel der Diana sind aus jener Zeit erhalten geblieben.

In der ganzen Stadt trifft man immer wieder auf Überbleibsel aus jener Zeit.
Auch einen alten Bekannten haben wir in Mérida wieder getroffen, den Rio Guadiano. Jener Fluss, der in Portugal für viele Millionen Euros gestaut wurde und schliesslich im Süden die Grenze zwischen Spanien und Portugal bildet.

Heute fahren wir unseren ersten Abschnitt auf der so viel gelobten Via de la Plata. Es wurde uns warm ums Herz, als wir die Pilgerzeichen am Strassenrand sahen. Sogar eine Gruppe Pilger mit grossen Rucksäcken marschierte trotz grosser Hitze zackig vorwärts. Die Strecke ist auch wieder mit Unterkünften bestückt. Es juckte uns in allen Gliedern und Knochen und wir dachten, wie schön wäre es jetzt mit dem Velo unterwegs zu sein. Die Strecke von Mérida nach Caceres wäre auch einfach zu bewältigen gewesen. Auch hier, der spanische Strassenwahnsinn! Die neugebaute Nationalstrasse führt parallel zur Autobahn nordwärts, ohne jeglichen Verkehr. Es wäre der ideale Radweg! So kommen immer wieder Fragen auf, was wäre gewesen wenn….?
Schon morgens um 10:00 h kamen wir in Caceres, im Zentrum der Extremadura an. Wir hatten genügend Zeit, die Altstadt zu besichtigen. Sie gehört ebenfalls zum Unesco Weltkulturerbe. Die Festungsmauern rund um die Altstadt trugen dazu bei, dass sie seit ihrer Blütezeit im 16. Jahrhundert fast original erhalten blieb.

Ihre prunkvollen Bauten verdankt sie dem Reichtum der Adligen, die nach der Reconquista in die Region strömten. Das Beutegut aus Amerika trug ebenfalls zu ihrem Reichtum bei. Zu Füssen der Altstadt breitet sich die arkadengesäumte Plaza Mayor aus. Wer die Wahl hat, hat die Qual, denn Restaurant an Restaurant bietet seine feinen Leckerbissen unter den Arkaden an.
Wir setzten uns eine Weile unter die grünen Bäume einer Parkanlage, inmitten der Universitätsstadt.

Die gusseiserne Parkbank war so heiss, dass es uns beinahe das Muster der Bank in unsere Hinterteile gebrandmarkt hätte. Wir liessen so einige Episoden unserer Reise vorbeiziehen und Fragen kamen auf, wie: Weisst du noch dort und dort?

Wir liessen die schöne Stadt wieder hinter uns. Auch die Fahrt mit dem Auto aus der Stadt lässt den Adrenalinspiegel steigen und senkt sich erst wieder, wenn man sich auf der richtigen Strasse befindet. Wir fuhren durch eine herb-schöne Steppenlandschaft, erst flach, dann immer hügliger, vorbei an einem halbleeren Stausee, über einen Pass von 1200 m. In der Steppenlandschaft zwischen Steinen und vertrocknetem Gras wachsen viele Ginsterbüsche. Wir stellten uns vor, wie diese Gegend im Frühjahr aussehen muss, wenn all diese Büsche goldgelb blühen. Auch heute waren einige Pilger unterwegs. Als wir dann aber noch Velofahrer mit vollbepackten Rädern sahen, bekamen wir beinahe Herzflimmern. Wir musterten die Gegend genau und schauten, wo es überall eine Gelegenheit zum Übernachten gegeben hätte. Wer weiss, vielleicht reizt es uns doch noch, einmal im Frühling die Strecke von Sevilla bis hinauf an die Nordküste Spaniens abzuradeln.
Mit dem Auto war es keine Sache die ca. 200 km von Caceres nach Salamanca hinter uns zu bringen. Das Autofahren ist nicht mehr so spannend, wie das Velofahren, man sieht keine Schlangen mehr, die Ventile sind nicht mehr undicht, etc. Das Spektakulärste, was heute passierte, ein Liter Waschmittel ist in meinem Koffer ausgelaufen.
Ein Leckerbissen auf der Via de la Plata ist ganz sicher Spaniens älteste Universitätsstadt Salamanca. Bereits im 13. Jahrhundert wurde die hier ansässige Universität gegründet und war bald ebenso wichtig wie Oxford oder Bologna. Die Stadt ist Nationaldenkmal und gehört ebenfalls zum Unesco Weltkulturerbe. Das unbestrittene Herzstück von Salamanca ist die weltberühmte Plaza Mayor, ein riesiger quadratischer Platz, umgeben von harmonischen, barocken Bauten mit Arkaden.

Der Platz ist Begegnungsort für Alt und Jung. Unter den Arkaden gibt es viele Möglichkeiten die kulinarischen Gelüste zu stillen. Wir hatten das Glück, eine feine Pension mit Parkgelegenheit, nur wenige Schritte vom Platz entfernt, zu finden. Auch wir ergatterten uns ein Tischchen bei den Arkaden, genossen den warmen Abend und beobachteten das Treiben auf dem Platz. Als dann kurz vor 22:00, bei Einbruch der Dunkelheit, der Platz beleuchtet wurde, kamen auch wir ins Schwärmen.
Am anderen Morgen waren wir schon früh unterwegs und profitierten von der Kühle und den menschenleeren Strassen. Unzählige Kirchen, Klöster, Parkanlagen und all die historischen Gebäude, der verschiedenen Fakultäten der Universität gibt es zu besichtigen.

Kathedrale von Salamanca

Muschelhaus verziert mit „Jakobsweg-Muscheln“

Palacio de Monterrey

Kreuzgang des Convento de San Esteban

An Restaurants und Bars wurde auch nicht gespart. Salamanca ist auch auf unserer Reise ein ganz besonderer Meilenstein, an den wir uns immer wieder gerne erinnern werden.

Lagos – Sevilla 308 km Autobus
Sevilla – Lebrija 80 km
Lebrija – Sanlucar de Barrameda 37 km
Sanlucar de Barrmeda – El Puerto de Santa Maria 48 km
El Puerto de Santa Maria – Cadiz – El Puerto de Santa Maria 30 km Schiff
El Puerto de Santa Maria – Conil de la Frontera 50 km
Conil de la Frontera – Zahara de los Atunes 40 km
Zahara de los Atunes – Tarifa 36 km
Tarifa -Algeciras 19 km Bus

Nach gut 4 Tagen faulenzen in Lagos waren wir wieder offen für Neues. Wir schafften es sogar, uns für eine Stunde zwischen die Strandtouristen ans Meer zu setzen. Um von der Westalgarve nach Sevilla zu kommen, planten wir eine Busfahrt. Das Busunternehmen riet uns, den 6:15 h Bus zu nehmen, da es in diesem Bus mehr Platz für die Fahrräder habe. So klingelte der Wecker um 4:00 h früh, damit wir genügend Zeit hatten, um zum Busbahnhof zu fahren und unsere Räder zu verpacken. Plötzlich hatte Chef Meili die Idee, mit dem Verpacken der Räder noch zuzuwarten und erst die Reaktion des Chauffeurs abzuwarten. So trödelten wir in früher Morgenstunde am Busbahnhof umher und plauderten mit einem italienischen Paar, das in derselben Pension wohnte, wie wir. Kurz vor 6:00 h wurde der Billetschalter geöffnet, der junge Mann am Schalter sah uns mit den Rädern dastehen und forderte uns auf, die Räder sofort auseinander zu nehmen und in Plastik zu verpacken. Er kam kaum nach mit Staunen, wie schnell das plötzlich ging. Wir sind ja ein eingespieltes Team! Aber eben, unser Adrenalinspiegel sprengte beinahe die Skala. Pünktlich fuhren wir los Richtung Andalusien. Während der Fahrt zwischen Lagos und Vila Real sahen wir immer noch unsere Schweissperlen auf der Strasse glitzern, die wir auf unserer Tour hinterlassen hatten.
Nach der Grenze wurden erst die Uhren wieder um eine Stunde vorausgestellt. Ab jetzt gilt für uns: „Morgenstund hat Gold im Mund“ und abends spät ins Bett. Wir müssen uns dem spanischen Lebensrhythmus anpassen. Als wir durch die weiten Felder, ohne Dörfer, fuhren, waren wir froh, uns für die Busvariante entschieden zu haben. In Portugal waren wir schon von den Weiten beeindruckt, in Spanien ist alles noch viel grösser. Andalusien ist zum Beispiel doppelt so gross wie die Schweiz.
Pünktlich um 11:30 h kamen wir in Sevilla an. Die Dame in der Touristeninformation war uns nicht besonders behilflich bei unserer Suche nach einer Schlafgelegenheit. Sie gab uns lediglich einen Stadtplan in die Hand und markierte darauf das ehemalige Judenviertel „Barrio de Santa Cruz“, wo viele Hotels und Pensionen zu finden sind. In einer der vielen, schmalen, verwinkelten Gassen fanden wir denn auch bald eine schmucke Pension. Nach einer erfrischenden Dusche begann unser Erkundungsmarsch durch die Stadt. Erst wollten wir eine brauchbare Strassenkarte, in einem möglichst kleinen Massstab, von Andalusien. Kein leichtes Unterfangen! Von Laden zu Laden wurden wir geschickt und schliesslich mussten wir uns mit einer Karte Massstab 1 : 300 000 begnügen. Unser zweites Problem war der Fotoapparat, der nicht mehr richtig funktionierte. Erst glaubten wir es wäre getan mit dem Austausch der Batterie. Eine solche Batterie zu finden war ein Ding der Unmöglichkeit. Später stellten wir fest, dass sich wahrscheinlich ein kleines Sandkorn im Objektiv verklemmt hatte. Zum Dritten wollten wir abklären, ob die Möglichkeit bestehe, mit dem Schiff auf dem Rio Guadalquivir, bis zur Mündung ins Meer, nach Sanlucar de Barrameda zu fahren. Es gibt ein Schiff, das fährt aber nur samstags. Solange wollten wir nicht in Sevilla bleiben, also bleibt nur noch die eigene Muskelkraft übrig. Diese drei Abklärungen kosteten uns einige Kilometer Fussmarsch und einige Nerven und der Nachmittag war im Flug vorbei. Nach dem Nachtessen, zurück in der Pension, fielen wir gleich in den Tiefschlaf und erwachten am anderen Morgen erst um 8:00 h wieder.

Da der Fotoapparat wieder einigermassen funktionierte, machten wir uns auf Sightseeing- und Fototour. Unser erstes Ziel war die „Plaza de Espana“. Dieser Platz wurde 1929 für die „Exposicion Iberoamericana“ mitten in einem Park mit ca. 3500 prächtigen Bäumen, errichtet.

Man fühlte sich dort fast wie in einer anderen Welt. Auf dem Weg zur Kathedrale kamen wir an der „Antigua Fabrica de Tobacos“ vorbei. Das Gebäude gehört heute zur Universität.

Die ehemalige, riesige Tabakfabrik war der Arbeitsplatz von Bizets Opernheldin „Carmen“. Die Fabrik beherbergte ihr eigenes Gefängnis,
Ställe für 400 Maulesel, 24 Innenhöfe und sogar eine Kinderkrippe.
Vor der Kathedrale wurde ich dann ganz gehörig übers Ohr gehauen. Zwei freundliche Frauen nahmen uns beide gleich in Beschlag, ohne dass wir wussten, was mit uns geschieht, drückten sie jedem von uns einen Buchsbaumzweig in die Hand, wohl darauf bedacht, dass wir genügend Abstand voneinander hatten und begannen ungefragt aus „der Hand zu lesen“. Langes Leben, gesund, etwas nervös, grosse, starke und intelligente Kinder und gutes Zurechtkommen in Spanien, verhiess man uns. Solche Sachen hört man doch gerne! Zum Glück erzählten sie betreffend Kinder beiden das Gleiche, sonst hätte es noch ein familieninternes Problem gegeben. Am Schluss verlangte die gute Frau Geld, ich klaubte ein Euro-Stück aus der Tasche. Da wurde sie energisch und verlangte Papiergeld. Von der Situation völlig überrascht, nahm ich einen 20 Euro-Schein aus der Tasche und wollte wechseln. Sie riss mir den Schein aus der Hand, ich wollte ihn ihr wieder entreissen, aber es war hoffnungslos. Sie war so dreist, dass sie nochmals 20 Euros für die zweite Hand wollte, da wurde aber ich energisch. Bei Armin lief dasselbe ab, nur, er packte das Euro-Stück wieder ein, tat so, als ob er einen Geldschein suchen würde und lief davon. 1: 0 für Armin! Mir wurde wieder einmal bewusst: Nicht die Taschendiebe, sondern die „freundlichen, schmeichelnden“ Leute sind besonders dreist..
Anschliessend besichtigten wir die riesige Kathedrale von Sevilla, Armin lachend, ich über mich selbst verärgert.

Gleich hinter dem Südportal steht das Grabmal von Christopher Kolumbus, der Sarg wird von vier Sargträgern auf den Schultern getragen.

Diese symbolisieren die vier Königreiche Spaniens zur Zeit der ersten Entdeckungsfahrten. Es sind dies: Kastilien, Leon, Aragon und Navarra. Nur, ob wirklich die Gebeine des grossen Entdeckers im Sarg liegen, darüber ist man sich nicht so einig. Die sterblichen Überreste wurden 1899 aus der Karibik überführt und galten lange als die von Christopher Kolumbus. Die dominikanische Republik jedoch behauptet, dass die Knochen unter einem Grabmal in der Hauptstadt Santo Domingo ruhen. Verschiedene DNA-Analysen haben ergeben, dass es sich bei den Knochen in der Kathedrale Sevilla, tatsächlich um diejenigen von Kolumbus handeln müsse. Allerdings wurden seine Gebeine nach seinem Tod mehrmals umgebettet und es ist durchaus möglich, dass sie in verschiedene Himmelsrichtungen verstreut sind. Irgendwie würde es zu Kolumbus passen, dass er noch im Tode, wie im Leben, zwischen Spanien und der Karibik hin- und hergerissen wurde.
Unsere nächste Aufmerksamkeit galt dem Alcazar. Der Alcazar war Residenz vieler Generationen von Kalifen und Königen. Das Bauwerk entstand 913 n. C. als Festung muslimischer Herrscher.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde es ständig erweitert und umgebaut.

Spätere christliche Herrscher nutzten dieses komplexe Gebäude ebenfalls als Residenz und legten zauberhafte Gärten an.
An einem Tag konnten wir nicht alles Sehenswerte der Stadt sehen. Wir waren aber begeistert von dieser stolzen Hauptstadt Andalusiens, mit den grünen Parkanlagen, Pferdekutschen, den vielen Restaurants und Tapas-Bars, dem Baustil und dem Ambiente.

Kolumbus – Denkmal

Alle schönen Städte, die wir bis anhin auf unserer Reise gesehen hatten, wurden durch Sevilla „in den Schatten gestellt“. Im Weiteren ist sie eine ausgesprochen fortschrittliche Velostadt. Breite Radwege, die auch eifrig benutzt werden, führen durch das ganze Zentrum.

Markierungen links und rechts der Radwege in der Stadt.

Der Tag fing gut an und wir waren ja wieder offen für Neues, wussten aber noch nicht, dass dieser unvergesslich in unsere Velogeschichte eingehen würde. Leider stehen uns keine guten Radführer mehr zur Verfügung, wie das in Portugal der Fall war. Wir markierten unsere Route auf unseren Karten, wählten natürlich Nebenstrassen und liessen unser Vorhaben vom Besitzer der Pension begutachten. Er fand die Auswahl unseres Weges perfekt, aber wir wetten, dass er den Weg überhaupt nicht kannte. Kurz nach 7:00 h morgens verliessen wir das Zentrum auf den breiten Radwegen. Schnell waren wir zurück in unserem Radlerleben. Je weiter Sevilla in den Hintergrund rückte, desto mehr verschlechterten sich die Strassen, bis wir auf einer Naturstrasse weiterfuhren, die zu einem Militärcamp führte. Wir versuchten dieses zu umfahren und standen bald vor einer Schleusenanlage mit hochgezogener Zugbrücke.

Alles neu und perfekt, die Anlage aber menschenleer, die Zufahrtsstrassen diesseits und jenseits des Flusses nur Feldwege. Erst standen wir da und warteten. Bald hatten wir das Gefühl, dass die Brücke in diesem Jahrhundert wahrscheinlich nicht passierbar sein wird und fuhren zum Militärcamp zurück. Dort wurden wir erstmals mit einer Maschinenpistole empfangen, aber freundlich wurde uns weiter geholfen. Der junge Mann zeigte uns einen Weg, das heisst eine Mountainbikepiste, die wir benutzen konnten, um wieder auf eine asphaltierte Strasse zu kommen. Wegweiser und Ortstafeln kennt man in dieser dünnbesiedelten Gegend nicht. Wir fuhren durch riesige Tomaten- und Gemüsefelder, die nach Pestiziden und Herbiziden rochen, bis wir wieder auf einer Naturstrasse, inmitten von Reisfeldern landeten.

Zuerst kam noch das eine Ah und Oh über unsere Lippen, aber mit der Zeit wirkten diese unübersehbaren Felder fast beängstigend auf uns. Ab und zu erhob sich eine Cooperative mit Silos aus der Ebene, sonst nichts als Reis, kilometerweit.

Keiner der wenigen Personen, denen wir begegneten, konnte uns auf unserer Karte zeigen, wo wir uns befanden.

Chefelektriker Storch auch nicht!

Wir wussten nicht, ob wir uns immer noch auf dem richtigen Weg befanden oder ob wir in den Reisfeldern umherirrten. Wir waren gespannt, was unser GPS, das unsere Tour aufzeichnet, am Abend sagen würde. Die wenigen Autos, die uns kreuzten oder überholten, hüllten uns jedes Mal in eine dicke Staubwolke. Dann plötzlich, mitten in der Pampas, hatte Armins Velo einen Plattfuss. Bei einem verlassenen Haus, im Schatten eines Baumes, flickten wir den Schlauch. Komischerweise hatte er ein Loch in der oberen Naht. Einige Kilometer ging alles gut, dann wieder ein Plattfuss am selben Rad, dieses Mal kein Schatten weit und breit. Dafür hatte es einen Bewässerungskanal in der Nähe. Armin setzte sich ans Ufer, um im Wasser zu prüfen, wo sich das Loch im Schlauch befand. Er liess die Füsse im kühlen Wasser baumeln und dann plötzlich, was schaute gleich neben ihm aus dem Wasser? Eines meiner heissgeliebten Lieblingstiere, die mich zur Flucht schlagen – eine Schlange! Bis jetzt sind wir nur toten Tieren auf der Strasse begegnet. Armin hatte sie nicht bemerkt, aber mein Schrei, weit herum hörbar, liess ihn aus dem Wasser jucken. Es war ein schwieriges Unterfangen, den Reifen zu flicken, denn wir hatten keine brauchbaren Ersatzschläuche mehr dabei. Zum Schluss funktionierte die Reparatur doch. Kaum Auszudenken, wenn wir unsere Räder auf den restlichen 20 km durch dieses menschenleere und schattenlose Gegend, hätten schieben müssen. Wir sahen schon die Schlagzeilen der Schweizer Presse vor uns: 2 Schweizer Velofahrer in Andalusiens Reisfeldern verirrt, verdurstet und verhungert! Irgendwann kamen wir zu einer Strassenkreuzung, wo wir das Gefühl hatten, dass diese Strasse uns aus der Einsamkeit führt, aber keine Wegweiser, nichts. Unser Gefühl war richtig, Staubig und verschwitzt erreichten wir Lebrija. Wir stellten keine grossen Anforderungen an diesen Provinzort. Nur zwei Sachen sollte es in diesem Ort geben, eine Velowerkstatt und eine Schlafgelegenheit. Der erste Gang führte uns jedoch zu einer Tankstelle, wo wir den Reifen nochmals pumpen wollten. Der Anblick des Rades stimmte uns nicht gerade freudig. Wie ein Geschwür presste sich der Schlauch zwischen Felge und Pneu hervor. Wir fragten uns durch nach einer Velowerkstatt. Der Velomechaniker riss gleich Pneu und Schlauch heraus. Verächtlich warf er den Reifen, den wir beim alten Mann in O Grove gekauft hatten, in eine Ecke. Er putzte an beiden Velos die Ketten, prüfte die Bremsen und wusch sie gleich noch. Er staunte nicht schlecht, wie viel Schmutz aus dem Wechsel kam. Beruhigt, dass alles wieder in Ordnung war und wieder brauchbare Ersatzschläuche im Gepäck hatten, gingen wir auf die Suche nach einer Schlafgelegenheit. Zum Dessert durften wir dort die Räder in den ersten Stock hinauf tragen. Den Staub, vermischt mit Sonnenschutzcreme, mussten wir beinahe mit einer Drahtbürste von unseren Körpern entfernen. Nach GPS waren wir gar nicht falsch gefahren. Das Nachtessen nahmen wir nicht mehr wirklich wahr.

Nach einem Tiefschlaf und noch benommen von den Erlebnissen vom Vortag machten wir uns auf den Weg nach Sanlucar de Barrameda. Heute wollten wir uns nicht mehr auf die Äste hinaus lassen und wählten den Sicherheitsstreifen entlang der Nationalstrasse. Ausserhalb Lebrija wurden die Gemüsefelder am frühen Morgen bereits bewässert. Das Gelände war nicht mehr ganz so flach wie am Vortag, sanfte Hügel erheben sich aus den Ebenen. Bald gab es nur noch abgemähte Weizenfelder und endlose Steppen zu sehen, an den Hügelhängen werden Reben kultiviert.

Ab und zu weideten einige Pferde, in der Steppe wurde nach Hasen gejagt. Eigentlich stellten wir uns diese Region etwas grüner vor, ist sie doch bekannt für die Produktion von Sherry. Sanlucar de Barrameda gehört zum Sherry-Dreieck Jerez de la Frontera – El Puerto de Santa Maria – Sanlucar de Barrameda.

Sherry ist ein weltbekanntes Getränk und hat hier so manche Familie reich gemacht. Dieser einzigartige Wein entsteht durch die Kombination aus Klima, kalkhaltigem Boden, der die Sonnenwärme aufnimmt, aber gleichzeitig die Feuchtigkeit speichert und einem speziellen Reifevorgang. Zuerst werden die Sherrytrauben gepresst.

Dann lässt man den dabei entstandenen Most gären. Innerhalb weniger Monate bildet sich eine schaumige Hefeschicht auf der Oberfläche. Nun wird der Wein in grosse Fässer aus amerikanischer Eiche gefüllt und in den Bodegas gelagert. Die Fässer zu etwa 5/6 gefüllt, werden in mindestens drei Reihen über einander gelagert. Der älteste Wein liegt zuunterst. Ungefähr drei Mal im Jahr werden 10 % des Weines aus den untersten Fässern abgezapft. Diese werden dann mit Wein aus der Reihe darüber aufgefüllt etc. Insgesamt reift der Wein drei bis sieben Jahre. Bevor er in Flaschen abgefüllt wird, reichert man ihn mit etwas Weinbrand an.
Das Sherrydreieck bringt aber noch einiges anderes hervor. In der Nähe des Karthäuserklosters, La Cartuja bei Jerez de la Frontera werden seit ca. 500 Jahren die stolzen, andalusischen Vollblutpferde gezüchtet. Ebenfalls in dieser Region werden die Kampfstiere für die Arena gezüchtet und zum dritten stammen einige bekannte FlamencotänzerInnen aus dieser Region.
Für uns hatte Sanlucar de Barrameda noch einen anderen Anziehungspunkt, die Seefahrtsgeschichte. Von hier brach einst Christopher Kolumbus zu seiner dritten Karibikreise auf. Etwa 20 Jahre später folgte ihm der Portugiese Ferdinand Magellan, der wie Kolumbus eine Westroute zu den asiatischen Gewürzinseln suchte. Trotzdem man sich im Ort mit der Seefahrergeschichte rühmt, erinnert nichts mehr an diese heldenhaften Taten.

In der Touristeninformation klärten wir noch den Fortgang unserer Reise ab. Siehe da, der junge Mann wusste einiges über die Ortstafel hinaus. Er wusste uns zu erzählen, dass es nach Rota, am Nordende der Bucht von Cadiz gelegen, einen Radweg gibt und dass dort Schiffe nach Cadiz fahren und auch Velos transportieren. Er drückte uns sogar noch einen Fahrplan in die Hand. Solch ein Service ist keine Selbstverständlichkeit.

Der neue Tag schien auf unserer Seite zu stehen. Das Hotel servierte das Frühstück schon ab 7:00 h. Wenn es später serviert wird, verzichten wir darauf und verpflegen uns unterwegs, um von der Morgenfrische zu profitieren. Den Radweg fanden wir auf Anhieb, er war gut markiert und hatte Wegweiser mit Distanzangaben. Der Anblick, der etwas lieblicheren Landschaft motivierte uns zusätzlich. Wir wussten, dass das Schiff nach Cadiz in Rota um 10:00 h fahren würde. Punkt 9:30 h standen wir am Hafen und sahen eine lange Menschenschlange vor dem Billettschalter stehen. Wie es sich gehört, stellten wir uns hinten an. Nach einer Stunde Wartezeit, das 10:00 h Schiff war bereits abgefahren, erhielten wir die ernüchternde Antwort, dass heute keine Velos transportiert werden. Der Versuch, von Norden nach Cadiz zu kommen, war gescheitert.

Erinnerungsfoto Hafen von Rota

Die ansässige Touristeninformation empfahl uns, es von Osten her, von El Puerto de Santa Maria aus, nochmals zu versuchen. Man macht uns das Radlerleben nicht leicht und so war wieder eigene Muskelkraft gefragt. Entlang einem riesigen amerikanischen Militärstützpunkt, mit Kriegsschiffen, Flugzeugträgern, eigenem Flugplatz und sehr viel Stacheldraht pedalten wir nach El Puerto de Santa Maria, ans Ostende der Bucht von Cadiz. Sonderbarerweise wurde dieses Stück von unserem GPS nicht aufgezeichnet. Amerikanische Zensur? Schon eingangs des Ortes stand eine Tafel mit den Abfahrtszeiten der nächsten Schiffe. Es war kurz vor 13:00 h, also sollten wir das Schiff um 13:30 h locker erreichen. Wie in Rota gab es wieder eine lange Menschenschlange vor dem Billettschalter.

Dieses Mal stellten wir uns nicht hinten an, sondern drängten uns durch, um erst zu fragen, ob Velos transportiert werden. Klare Antwort. Hoy no, muchas gente! In unserem Reiseführer war noch von einem Fährschiff „El Vapore“ die Rede. So fragten wir uns zu diesem Schiff durch. El Vapore – Glugg, Glugg, war die Antwort. Kurzerhand beschlossen wir, nun eben zwei Nächte in El Puerto de Santa Maria zu bleiben und anderntags ohne Velos, mit dem Schiff nach Cadiz zu fahren.

Auch in El Puerto herrschten einst die Mauren

Das war leichter gesagt als getan. Einerseits hat die Hochsaison begonnen, andererseits findet die Regatta der ganz grossen, mehrmastigen Hochseesegelschiffe statt, die dieses Wochenende in Cadiz Zwischenhalt gemacht haben, bevor sie nach A Coruna in Galizien weitersegeln. Deshalb die vielen Leute. Nach langer Suche fanden wir dann doch noch eine bezahlbare Unterkunft für zwei Nächte.
In der Touristeninformation wollten wir noch einige Ratschläge für unsere Weiterfahrt nach Tarifa holen. Auf unseren Karten sind rund um Cadiz, El Puerto de Santa Maria und Puerto Real nur Autobahnen eingezeichnet. Als wir unseren Wunsch äusserten, erschrak die junge Dame erst und meinte, das sei unmöglich, denn das seien mindestens 100 km. Wir klärten sie dann auf, dass wir aus der Schweiz hier hin gefahren wären, über 4000 km in den Pedalen haben und dass diese 100 km für uns Peanuts wären, falls es eine geeignete Strasse gäbe. Erst liess sie ein Geschrei los, wir wären ja die Kings of Bicycles, dann erklärte sie uns mindestens fünf Mal, wenn sie mit dem Auto nach Tarifa fahre, dass sie sich immer an die blauen Autobahntafeln halten würde, ja nie den weissen folgen. Solche Ratschläge kann man rauchen! Es wäre doch einmal ein Kassensturz-Thema in der Schweiz, die Kompetenz der Touristeninformationen unter die Lupe zu nehmen.

Aber erst wollten wir nach Cadiz, also begannen wir zu rechnen: Das erste Schiff fährt 10:00 morgens, der Billettschalter öffnet um 9:00. Also wenn wir ein Billett für das erste Schiff ergattern wollen, müssen wir um 8:00 vor dem Schalter stehen. Siehe da, wir waren nicht die Ersten, aber doch früh genug, dass unser Plan aufging. Bis wir das Schiff betraten, war die Menschenschlange schon wieder unheimlich lang.
Cadiz liegt auf einer langen Landzunge, die an einer schmalen Stelle mit dem Festland verbunden ist. Nach so vielen Hindernissen am Vortag, hatten wir erst den Besuch dieser Stadt in Frage gestellt, waren dann aber doch froh, dass wir alle Mühen auf uns genommen hatten. Es ist ein schöner, eleganter und zivilisierter Ort, rundum vom Atlantik umgeben.

Blick vom Torre Tavira über die Stadt

Kathedrale von Cadiz

Der Regatta wegen, war die ganze Stadt in Festlaune und von Wirtschaftskrise war nichts zu merken. Eine riesige Menschenmenge tummelte sich um den Hafen, um die wunderschönen Schiffe aus verschiedenen Nationen zu besichtigen.

Obwohl Restaurants und Cafébars keine Mangelware sind, war kaum ein freier Tisch zu finden. Kaum nachvollziehbar, dass man sich kaum 50 km entfernt, in der Steppe befindet.
Nicht nur die grossen Segelschiffe der heutigen Zeit stechen hier in See, sondern auch Kolumbus brach hier für seine vierte Reise in die Karibik auf. Durch die Entdeckung Amerikas erlebte die Stadt einen Boom, hatte deswegen aber auch ihre Feinde. Die Engländer versenkten einst hier die startbereite spanische Armada und legten die Stadt in Schutt und Asche.
In der Touristeninformation in Cadiz erhielten wir folgende Auskunft: Die Dörfer entlang der Costa de la Luz, zwischen Cadiz und Tarifa wären nicht mit Strassen miteinander verbunden, deshalb bleibe uns nur die stark befahrene Nationalstrasse. Jedes Kind sah auf der Landkarte, dass dies nicht stimmte.

So stand der heutige Tag wie ein grosses Fragezeichen vor uns. Erstens wussten wir nicht, wie wir aus dem Autobahngewirr um El Puerto de Santa Maria, Cadiz, San Fernando und Puerto Real herauskommen würden, zweitens wegen negativer Prognosen, einerseits aus dem Reiseführer, andererseits von den Touristeninformationen in Cadiz und El Puerto, ob wir ein freies Bett zum Schlafen finden würden. Wir redeten uns ein, dass wir das Ganze in Ruhe angehen würden und den Tag auf uns zukommen lassen würden. Wir nutzten die Gunst der Stunde, erstens war es Sonntag, somit hatte es frühmorgens wenig Verkehr, zweitens keine Camions. Vor Sonnenaufgang waren unsere Räder bepackt. Wir waren nicht die einzigen in den Gassen von El Puerto. Die letzten Nachtschwärmer waren immer noch auf Tour. Was uns niemand gesagt hatte, dass es über Kilometer einen schönen Radweg entlang der vierspurigen Autostrasse gibt. Plötzlich ging er zu einer Naturstrasse über, die in ein wattenmeerähnliches Naturschutzgebiet führte. Wir wagten es nicht, ihm zu folgen, denn wir hatten keine Ahnung wohin er führte. Solche Abenteuer wollen wir nicht mehr eingehen. Da wir ja Highway tauglich sind, wählten wir schliesslich doch noch für einige Kilometer, den Sicherheitsstreifen der Autostrasse. Zum Glück waren auch noch Freizeit-Velofahrer unterwegs, die wir nach dem Weg fragen konnten. Auf angenehmen Nebenstrassen kamen wir schliesslich im Küstenort Conil de la Frontera an.

Auch unser zweites Problem war schnell gelöst. Schon beim ersten Hotel hatte es freie Zimmer. In den Küstenorten herrscht zur Zeit Hochsaison. Alle Spanier begeben sich im August in den Urlaub ans Meer.
Conil de la Frontera ist ein blendend weisser Ort an der Costa de la Luz. Ein goldener Sandstrand erstreckt sich über Kilometer von Cadiz nach Tarifa und lässt die ganze Küste in einem ganz sonderbaren Licht erscheinen. Auch hier erklärten wir der Dame in der Touristeninformation unser Problem, dass wir gerne nach Tarifa radeln möchten, aber nicht auf der Nationalstrasse. Erst erschrak sie und meinte, das wären sicher mehr als 70 km und mit dem Fahrrad unmöglich. Als wir ihr klarmachten, dass wir schon den ganzen Weg aus der Schweiz aus eigener Kraft gefahren wären und diese lumpigen Kilometer kein Problem darstelle, verneigte sie sich vor uns und schenkte uns zur Belohnung eine DVD von Conil de la Frontera. Sie war uns auch weiter behilflich und reservierte uns für den nächsten Tag ein Zimmer in unserem nächsten Etappenort.
Als wir durch das Städtchen streiften, trafen wir auf drei lustige Gesellen mit einem Hund. Sie bettelten Geld für Bier, Whiskey etc. Als wir das dritte Mal an ihnen vorbeikamen, kamen wir mit ihnen ins Gespräch. Alle drei stammen aus Deutschland.

Seit 17, 14 resp. 3 Jahren wandern und betteln sie durch Spanien, oder verdienen sich etwas Kleingeld als Gelegenheitsarbeiter. Das nächste Ziel sei Alicante, an der Mittelmeerküste. Den Hund hat der eine vor 3 ½ Jahren bei der Suche nach einer leeren Petflasche aus dem Müllcontainer gefischt. Die restlichen sieben Geschwister des Hundes wären bereits tot gewesen. Er hat den Welpen aufgepäppelt und nun sind sie dicke Freunde. Der Hund wirkte wohl genährt und gepflegt. Das erbettelte Geld brauchen sie natürlich nicht für Alkoholikas, sondern um sich und den Hund zu ernähren. Ausserdem müsse der Hund nächsten Monat geimpft werden, das koste auch einige Euros. Der Hundebesitzer kam ins Schwärmen und erzählte uns, dass er einmal eine wunderschöne Freundin aus Rapperswil gehabt hätte. Wir hatten das Gefühl, dass in diesen drei Randständigen ein weiches Herz klopft. Auch solche Begegnungen und Gespräche bereichern unsere Reise.

Wie schon erwähnt, es ist Hochsaison und in diesen Touristenorten ist mächtig was los, so auch in Conil de la Frontera. Beim Verlassen des Ortes zu früher Morgenstunde, gingen die Letzten singend und johlend von der Party nach Hause. Wir jedoch, sportlich und seriös, traten kräftig in die Pedalen, bis ein Leuchtturm mit berühmten Namen, auf einer Landzunge in den Himmel ragte, der Cabo de Trafalgar.

Vor diesem Kap machte einst die britische Flotte unter Admiral Nelson im Jahr 1805 kurzen Prozess mit der spanischen Seemacht. Trafalgar Square mit der Nelson Säule ist ja für jeden Besucher Londons, ein Begriff. Eigenartig, was uns während der Schulzeit, im Geschichtsunterricht, überhaupt nicht interessierte, hat eine ganz andere Wirkung, wenn man selbst am Ort des Geschehens steht.
Die Costa de la Luz ist vielerorts noch unberührt, Naturpark reiht sich an Naturpark, ob Wattenmeer oder Pinienwald.

In Zahara de los Atunes war ja unser Zimmer bereits reserviert und wir mussten nicht lange suchen. Die Pension lag nur wenige Meter vom langen, sauberen Sandstrand entfernt.

Wir wollten diese Gelegenheit nutzen und einmal baden gehen. Schliesslich war es so heiss, dass wir darauf verzichteten, uns lieber im Schatten aufhielten und es etwas später bei einem Spaziergang durchs Wasser am Strand beliessen.

Heute brachen wir auf unsere letzte Etappe zu unserem zweiten, grossen Zwischenziel, nach Tarifa auf, der südlichsten Spitze der iberischen Halbinsel, an der Strasse von Gibraltar. Auf unseren Karten war unser Weg nicht ganz klar ersichtlich. Deshalb fragten wir den Besitzer der Pension nach Rat. Er machte uns auf einem Totozettel eine Skizze und meinte, mit dem Velo sei das kein Problem, um von der einen Bucht zur anderen zu kommen. Wenigstens war der unwegsame Weg nur 2 km lang. Erinnerungen an den Jakobsweg wurden wieder wach. Der Weg führte uns jedoch durch einen wunderschönen, ruhigen Naturpark.

Nur einige Schafe blökten und einige Kühe sahen uns erstaunt an. Auf den letzten 15 km nach Tarifa konnten wir der Nationalstrasse nicht mehr ausweichen. Erstaunlicherweise hielt sich der Verkehr in Grenzen. Wir hatten es doch geschafft, auf vielen Nebenstrassen zum Ziel zu kommen. Bis vor 20 Jahren war Tarifa ein unbekannter Ort.

Hafeneinfahrt von Tarifa
Im Hintergrund ist Afrika zum Greifen nahe.

Wehrturm bei der Hafeneinfahrt

Dank der starken Ost- und Westwinde wurde es schliesslich zum Mekka der Wind- und Kitesurfer. Ein spezielles Publikum tummelt sich da. Wenn man durch die Gassen spaziert, wird einem bald klar, dass es auch ein Eldorado zum Shoppen oder Schaufensterbummeln ist. Des Platzes wegen kommt für uns kommt nur letzteres in Frage.
Wenn wir jeweils auf Zimmersuche sind, ist alles ruhig und still ums Hotel herum. Die Besitzer bestätigen jeweils, dass das Zimmer ruhig ist. Dann aber, nach 20:00 h abends, öffnen die Restaurants ihre Tore und in Blitzeseile werden die Tische auf die Strasse gestellt und jeder Gast findet:“ Wir machen durch bis morgen früh und singen pumpsfallera!“ Dazu kommen noch die Strassenmusiker mit Trompete, Gitarre oder Akkordeon, die mehr oder weniger harmonische Töne von sich geben.

Das Leben spielt sich im Süden begreiflicherweise draussen und nachts ab. So geschah es auch in Tarifa.

Nun sind wir genau 4 Monate unterwegs. Täglich waren wir den Launen der Natur ausgesetzt. Von der arktischen Kälte in Frankreich bis zur glühenden Sommerhitze in Südspanien, von leichten Brisen bis zu stürmischen Böen, Regen und Sonnenschein, gute und schlechte Gerüche, alles haben wir 1 :1 wahrgenommen. Über Ebenen, über Hügel bis hinauf über die Berge sind wir geradelt. Fast jeden Tag haben wir in einem anderen Bett geschlafen, einmal weich, einmal hart. Unter den verschiedentlichsten Duschen haben wir geduscht. Es ist immer spannend, wo das Wasser herauskommt. Im kalten Aubrac konnten wir es uns nicht einmal in den kühnsten Träumen vorstellen, dass eine kalte Dusche (die dritte am Tag) vor dem Schlafen gehen, eine Wohltat sein kann. Reiseapotheke und Verbandkasten blieben glücklicherweise unangetastet. Einige heikle Situationen gab es schon ab und zu, aber keine Unfälle. Die Räder brauchten ihren Service. Der Hinterreifen an Armins Velo wurde zwei Mal ersetzt, an meinem Velo vorsorglich ein Mal. Bremsbeläge mussten ersetzt werden und an Armins Velo brach lediglich eine Speiche. Jeden Tag packten wir unsere Satteltaschen aus und ein. Unzählige Kirchen, Kathedralen, Schlösser und Burgen besichtigten wir. Über 5000 km liegen hinter uns, wovon ca. 4300 km aus eigener Kraft erschaffen. Etwas stolz sind wir schon auf unsere Leistung.
Aber nun müssen wir die Fortsetzung unserer Reise überdenken. Ehrgeiz oder Vernunft?
Die Hitze haben wir unterschätzt. Wir können nicht vor 7:00 morgens starten, da es auf diesem Breitengrad noch dunkel ist.
Die andalusischen Berge stehen vor uns. Von 0 m über Meer geht’s hinauf, bis zu 1200 m.
Die Übernachtungsmöglichkeiten sind rar, es gibt lange Etappen. Wenn man den Reiseführern glauben will, ist das Hinterland im August ausgestorben und vieles ist geschlossen.
Es ist uns unmöglich 80 km pro Tag, innert 3 Stunden bei 40° C zu radeln. Es wäre auch unvernünftig.
Wir sind auch von Südspanien schlecht dokumentiert. Ausser einiger Internetausdrucken und schlechtem Kartenmaterial steht uns nichts zur Verfügung. Wie bereits beschrieben sind die Auskünfte nicht verlässlich.
At last but not least kommen auch einige Ermüdungserscheinungen dazu.
Deshalb haben wir uns in den letzten Tagen viele Gedanken gemacht und nach einer befriedigenden für beide Lösung gesucht.
Die Reise fortsetzten und ab und zu den Bus besteigen? Jedes Mal die Ungewissheit, ob der Bus die Fahrräder mitnimmt oder nicht?
Reise abbrechen und nächstes Jahr im März, bei kühleren Bedingungen weiterfahren?
Reise abbrechen und mit dem Bus der Küste entlang nach Barcelona fahren?
Reise abbrechen und später die verschiedenen Gegenden mit dem Auto besuchen?
Räder heimschicken und als Rucksacktouristen weiterfahren?
Bis nach Malaga radeln, in den nächsten Flieger steigen und in die Schweiz fliegen?
Mit dem Fahrrad der Touristenmeile entlang nach Barcelona fahren, wo Unterkünfte keine Mangelware sind und kürzere Etappen möglich sind? Die Erfahrung der letzten Tage haben jedoch gezeigt, dass an den Touristenorten das Preis-Leistungsverhältnis im August überhaupt nicht mehr stimmt. Alles ist überteuert, ob Logis oder Essen. In jedem Ort die Jubel-Trubeltouristen!
Alle diese Möglichkeiten hatten wir durchdiskutiert, jeden Tag kam eine andere Idee. Jedoch keine dieser Möglichkeiten überzeugte uns. Wir wollten Spanien auch nicht fluchtartig verlassen. Die Wärme hat auch ihr Gutes, die Rheumatismen haben sich verabschiedet.

Nach einer erneuten schlaflosen Nacht entschied sich alles über unsere Weiterreise sehr schnell. Der Entscheid war klar, wir brechen unsere Reise nicht ab, folgen weiter unserer geplanten Tour, jedoch nicht mit Velo, sondern mit einem Mietauto.
Noch zerknittert, packten wir unsere sieben Sachen, begaben uns zum Busbahnhof und fragten dort, ob wir die Räder in den Bus nach Algeciras verladen könnten. Freundlich lächelnd und unkompliziert wurde unsere Frage bejaht. So konnten wir ca. 20 km auf der stark befahrenen Strasse und einiges an Höhenmetern vermeiden. In Algeciras angekommen, suchten wir erst die Hertz Autovermietung auf und anschliessend einen internationalen Transporteur, der unsere Velos möglichst sicher nach Hause transportiert. Bei Hertz lief alles schnell und speditiv. Der Mann war hilfsbereit, telefonierte für uns sogar mit der Transportfirma und erklärte uns den Weg dorthin. Die gut geschminkten und sexy Damen bei der Transportfirma jagten uns erstmals den Adrenalinspiegel hoch. Sie verlangten die Rechnungen der Räder, sie brauchen das für den Zoll. Logisch, dass wir die Rechnungen nicht hatten. Wir erklärten ihnen mühsam, dass es sich um gebrauchte Schweizer Räder handelt und die ganz einfach zurück in die Schweiz transportiert werden sollten. Plötzlich ging es dann doch ohne Rechnung. Um einige Euros erleichtert, marschierten wir dem Hafen entlang zurück zur Hertz-Filiale. Auf dem naheliegenden Markt kauften wir für ganze 44 Euros zwei Koffern mit Rädern für unser Hab und Gut. Wir hoffen nur, dass sie den Rest der Reise überstehen werden.

Chauffeuer, Koffern und im Hintergrund der gemietete Seat Ibiza

Algeciras ist eine hässliche Industrie- und Hafenstadt mit arabischem Einschlag. Sie ist auch Zentrum des Drogenschmuggels. Während der Sommermonate ist da mächtig was los. Hunderttausende von Marokkanern gehen hier auf die Fähre um in ihrer Heimat die Sommerferien zu verbringen. Wir hatten jedoch keine Lust hier länger zu verweilen und setzen nun unsere Tour mit dem Mietwagen fort.

Hfen von Algeciras mit Fels von Gibraltar im Hintergrund

An dieser Stelle bedanken wir uns bei Allen, die uns während der letzten Monate begleitet hatten, Kommentare in den Blog oder direkte E-Mails geschrieben hatten. Es freute uns jedes Mal, wenn irgendein Lebenszeichen von zu Hause kam. Wir hoffen, dass wir weiterhin, trotz Wechsel des Transportmittels, „verfolgt“ werden. Den Blog werden wir natürlich weiterführen.

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